Dabei sein ist eben nicht Alles!

Führen die aktuellen Zugänge der Erwachsenenbildung in eine Sackgasse?

 

Über der österreichischen Erwachsenenbildungslandschaft kreisen momentan, wie ein großer dunkler Schatten, die Schlagworte „Kompetenz und Kompetenzprofile“ und scheinbar alle Bemühungen der Bildungsanbieter/innen richten sich danach aus, den Teilnehmenden „Kompetenzen“ zu vermitteln. Tausendfach findet sich - so oder in unterschiedlichen Abänderungen und Wandlungen - der Satz „Wir vermitteln Ihnen echte praktische Kompetenzen!“ auf den Webseiten der Bildungsanbieter/innen. Was konkret bedeuten soll, dass die Teilnehmenden nicht mehr allein mit Wissensinhalten versorgt und vollgestopft, sondern vorrangig dazu angeleitet werden, exemplarische Inhalte auf ihre eigene Lebenswelt zu übertragen, um daran ihre ganz persönlichen Fertigkeiten zu üben und weiter auszubilden.

Nun, ist das zwar vordergründig ein hehrer und für manchen vielleicht sogar ein erfurcht gebietender Gedanke, aber wer sich mit Lehren und Lernen und in weiterer Folge mit Verstehen auseinandersetzt, der weiß ganz genau, dass es für die Initiierung von Verstehensprozessen keine Methode gibt und diese nicht herbeigeführt werden können. Die Erfahrung des Verstehens, um die es in bei allen Kompetenzen geht, ist keine durch Lehrende methodisch herbeiführbare Leistung, sondern ein mehr oder weniger offenes Geschehen, das vor allem davon lebt, dass sich die Lernenden von einer ganz bestimmten Sache angesprochen und angezogen fühlen und dieser Sache - mit Unterstützung und Begleitung der Lehrenden - auf den Grund gehen.

 

Die derzeit vorherrschende vordergründige Kompetenzorientierung erliegt jedoch offensichtlich der Versuchung, die wünschenswerten Resultate des Lernens, bis hin zu so den momentan besonders nachgefragten „Sozial- und Selbstkompetenzen“, als methodisch herbeiführbare Ziele des Lehrens naiv misszuverstehen und in alle möglichen „abarbeitbaren Raster“ zu zwängen. Das dient in Wahrheit jedoch vielmehr der Übersicht, Strukturierung und Orientierung der Lehrenden denn als echte Hilfe für die Lernenden. Denn das was von den Lernenden tatsächlich verstanden wird, und dass überhaupt etwas verstanden wird, bleibt am Ende immer offen!

 

So ist es auch nicht verwunderlich, das man beim Studium, der von den Veranstaltern erstellten Ausschreibungsinformationen, auf immer längere Listen von als wünschenswert erachteten Resultaten des Lernens stößt. Dabei ist es mitunter immer häufiger nicht nur erstaunlich sondern echt befremdend, was da alles schon in Halbtagsseminaren von Vortragenden an Zielen untergebracht und abgedeckt werden kann!

 

Spielt man in diese Zusammenhang - und dazu muss man kein Bildungswissenschafter sein - ein wenig mit der Frage: „Lassen sich diese von Veranstaltern formulierten Wunschresultate überhaupt in einer ganz alltäglichen Lernsituation umsetzen?“, dann wird ganz rasch deutlich, dass es sich dabei vielmehr um wohlklingende und werbeträchtige Lippenbekenntnisse handelt, denn als wirklich operationalisier- und erreichbare Ziele.

 

Die Lösung für dieses Problem - und das würde aus meiner Sicht insgesamt der Bildungslandschaft gut tun - liegt dort, wo sich die Bildungsverantwortlichen wieder mehr mit echten Inhalten auseinandersetzen, die Verstehensprozesse auslösen und mehr oder weniger natürlich nach sich ziehen. Denn in Wahrheit sind es - und das wissen erfahrene Lehrende ganz genau - immer ganz bestimmte Inhalte, welche Lernenden anziehen, faszinieren und nicht mehr los lassen. Über diese Faszination zu einem Inhalt entwickelt sich jene Dynamik, welche die Lernenden in die Lage bringt - fast notwendiger Weise - mit der Ausbildung ganz spezieller oder bestimmter Kompetenzen zu reagieren, um den Inhalt zu fassen und ihm gerecht werden zu können - und nicht umgekehrt!

 

Wer vor diesem Hintergrund und auf diesem Weg Themenbereiche wie Partnerschaftlichkeit, Kommunikation, Umgang Miteinander, Teamleitung, Kreativität oder Zeitmanagement etc. angeht, der wird erstaunt sein, mit welcher Neugier Teilnehmenden den Inhalt zu erschließen beginnen und mit „echtem Verstehen“ verbundene Kompetenzen entwickeln. Hingegen wird bei jenen Teilnehmenden, bei denen es am echten Interesse zum Inhalt fehlt, auch keine Kompetenzentwicklung die Folge sein, ganz egal was in den Ausschreibungen aufgelistet steht.

 

Literaturtipp zum Thema: Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 3. Aufl., Tübingen 1972.

 

BPÖ/MH

 


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