Verdrängungswettbewerb im Kopf

Lernen und Gedächtnis sind untrennbar miteinander verbunden. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Neueste Ergebnisse in der Hirnforschung zeigen, das die bisherigen Vorstellungen, wie Inhalte gespeichert und verarbeitet werden, erweitert und unter Umständen sogar verändert werden müssen.

 

Schon Eric Kandel (US-Nobelpreisträger mit Wiener Wurzeln) hatte erkannt, dass die Neuronen im Gehirn nicht "fix" verdrahtet sind, sondern sich die Verbindungen über Synapsen ständig ändern können. Dabei verstärken sich bei "Wiederholung" die bereits bestehenden Verbindungen und das kann dann als Lernen angesehen werden. Dieser Mechanismus, wie bestimmte Synapsen involviert und verstärkt werden, ist mittlerweile sehr gut bekannt. Damit wusste Eric Kandel das sich bestimmte Synapsen verstärken, aber was er nicht wusste war "warum" und "warum genau diese Synapse/n".

Grazer Forscher haben jüngst dazu eine mögliche Antwort geliefert. Wolfgang Maass und Stefan Klampfl (s.u.) haben bei Simulationen am Computer Hinweise isoliert, die andeuten wie "Erinnerungsspuren" entstehen und in den Synapsen "verfestigt" werden. Die durch Lernen erzeugten Spuren sind demnach Aktivitätsmuster vieler Neuronen, die sich nicht nur im Raum, sondern gleichzeitig auch in der Zeit verändern. Die Erinnerungsspuren entstehen demnach als Folge eines Verdrängungswettbewerbs zwischen den Nervenzellen. Aktive Neuronen unterdrücken in ihrer nächsten Umgebung die Aktivität anderer Neuronen was in der Folge dazu führt, dass nur die am besten passende Spur, also das am besten zum Erlebnis passende Aktivitätsmuster der Neuronen in den Synapsen festgeschrieben wird.

 

Welche Auswirkungen und Konsequenzen diese Erkenntnis für die Planung, praktische Gestaltung und Durchführung von Lernprozesses im Arbeitsalltag von PädagogInnen und ErwachsenenbildnerInnen konkret haben wird, kann erst die Zukunft zeigen. Zumindest erscheint durch diese Ergebnisse der didaktische Grundgedanke, dass Neues immer an bereits Bekanntem anknüpfen und dass das "Erlebnis Lernen" selbst wichtig für die Behaltensleitung ist, einmal mehr eindrucksvoll bestätigt.

 

Unser Rufseminarangebot zu diesem Themenbreich: Hirn & Hormon mit Dr. Manfred Hofferer

 

R/F 04.08.2013


Personalia der Forscher:

Prof. Dr. Wolfgang Maass: Leiter des Instituts für Grundlagen der Informationsverarbeitung der TU Graz

Dipl.-Ing. Dr.techn. Stefan Klampfl: Datenanalytiker am Grazer Comet-Kompetenzzentrum, Know Center



Kommentar schreiben

Kommentare: 0