Frage-Antwort: Mehrwert "Outdoor"

 

Vergangene Woche hat uns (neben anderen Fachleuten) von Frau Mag. phil. Sonja BURGER, MAS (Wissenschaftsjournalistin) eine Anfrage zu einem Interview mit dem Thema Mehrwert "Outdoor" - wird als Artikelbeitrag voraussichtlich in der Zeitschrift SPORTaktiv erscheinen - mit folgenden Fragen errreicht:

  • Frage 1: Welches gesellschaftliche Problem/Fragestellung hat Sie zur Entwicklung des Out­doorpädagogik-Konzepts geführt?

Der Ursprung der Outdoorpädagogik liegt in der therapeutischen Arbeit mit verhaltensauffälli­gen Kindern, Jugendlichen und deren Familien in den 80iger Jahren des vergangenen Jahr­hunderts. Vorrangiges Ziel war es damals, einen "Raum zur Verfügung zu haben“, der nicht mit bestimmten Routinen, Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensmustern verknüpft ist und gleich­zeitig einen möglichst großen Spielraum für die Entwicklung neuer Wahrnehmungs-, Denk- und kooperativer Zu- und Umgangsformen bereitstellen kann. Das primäre Ziel der frühen Outdoor­pädagogik war zum einen die nachhaltige Veränderung von Verhalten in Richtung pro sozia­lem und kooperativem miteinander Umgehen zu unterstützen und zum anderen der Abbau von z.B. sozialen Ängsten und damit verbundenen Einschränkungen in der Begegnung mit der Welt und dem Umgang mit Menschen zu fördern und gezielt in der Ich- und Selbstbe­wusstseinsstärkung zu arbeiten.

Heute findet die Methode Outdoorpädagogik bei nahezu allen Alters-, Ziel- und Themengruppen als pädagogische Methode ihren Einsatz. „Die Outdoorpädagogik befasst sich - aufbauend auf ei­nem ganzheitlichen Menschenbild - mit dem gezielten Bereitstellen von außergewöhnlichen Na­turspiel-, Experimentier- und Entwicklungsräumen und verfolgt das Ziel der gemeinsamen Erwei­terung der Erlebens- und Handlungsfähigkeit sowie der Entwicklung personaler, sozialer und emotionaler Kompetenzen, unter Berücksichtigung natürlicher Lern- und Entwicklungsformen un­ter Verwendung aufeinander abgestimmter wissenschaftlich evaluierter und in der Praxis erprob­ter Methoden, Techniken sowie Evaluations-, Interventions- und Transferformen in und mit der Natur."

 

  • Frage 2: Was macht(e) die Natur für Sie zum Lehrraum?

Die Outdoorpädagogik begreift Natur nicht als »Lehrmeisterin«, »Quell des Lebens«, »Hort der Erkenntnis« oder sieht diese in anderen mehr oder weniger romantisch verklärten Attribuierun­gen, sondern versteht diese schlicht als den dem Menschen ursprünglichsten gegebenen An­passungs-, Lern-, Entfaltungs- und Entwicklungsraum. Aus der Sicht der Outdoorpädagogik ist die Natur zunächst einfach einmal ein Raum, der sich für pädagogisches Arbeiten an unterschiedlichsten Themen und Zielbereichen durch seine bloße Anwesenheit und Wertfreiheit anbietet. Sie bildet dem outdoorpädagogischen Arbeiten den Boden, Rahmen und den Hintergrund, auf dem quasi wie auf einer Bühne alle denkbaren Entwicklungsthemen in Form von Outdoorprojekten oder Outdoorprogrammen gezielt aufbereitet, angeboten und von den Teilnehmenden gemein­sam bearbeitet werden können. Insofern ist für die Outdoorpädagogik die Natur mehr Lern- und Entwicklungs-, als Lehrraum.

 

  • Frage 3: Welchen Mehrwert hatte Outdoor für Sie am Anfang und wie sieht das heute aus?

Heute wie früher bietet die Arbeit im Outdoorbereich eine Vielzahl von Auswahlmöglichkeiten, um einen geeigneten Rahmen und Hintergrund zu schaffen, um ein Thema gezielt in seiner Komple­xität aufbereiten, darstellen und für die Teilnehmenden bearbeitbar zu machen, damit von den Teilnehmenden gemeinsame Lösungen ge(er-)funden werden können. Das war am Beginn der Entwicklung der Methode in der genau gleichen Weise gegeben, wie das heute der Fall ist. Der echte Mehrwert der Arbeit in und mit der Natur liegt für mich im deutlichen Kontrast zu den All­tagswelten der Teilnehmenden, seiner Gestaltungs- und Nutzungsoffenheit wie -variabilität, sei­ner Mittelbarkeit sowie der ganzheitlichen An- und Herausforderung. Daraus ergibt sich, bei richti­ger Konfiguration und entsprechendem Angebot ein ganz spezieller pädagogischer Raum.

 

  • Frage 4: Warum tun sich manche - offenbar eher Erwachsene, als Kinder/Jugendliche Ihrer Erfahrung nach schwer, die Natur als Lehrmeister zu begreifen und stehen dem Lernen durch die Natur skeptisch gegenüber?

Wie schon zuvor festgestellt ist für die Outdoorpädagogik die Natur kein/ Lehrmeister/-in, sondern bildet immer nur den Raum, Rahmen und das Spiel- und Experimentierfeld auf dem die jeweilige Zielgruppe ihre „Themen“ und „Fragen“ auf einer ganz praktischen und elementaren Ebene klä­ren sowie ihre Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten überprüfen bzw. weiterentwickeln kön­nen. Diese Frage kann ich zudem grundsätzlich nicht so sehen! Tatsache ist - und das bestätigen unsere Erfahrung in vielen Beispielen -, dass jene Teilnehmenden, die in der Vergangenheit eher negative Erfahrungen mit geführten Outdooraktivitäten gemacht haben, bzw. die Naturbegeg­nungen über den Fun- und Actionbereich erfahren haben, in die Rolle der “Und was kommt jetzt noch? Konsumaktionshaltung gedrängt sind und aus diesem Grund sich sehr schwer tun, die Na­tur als Entwicklungsraum begreifen und nutzen zu können. Zuvor habe ich vom Mehrwert der „Mittelbarkeit“ gesprochen. Das 21. Jahrhundert ist eine Zeit der erwarteten Unmittelbarkeit, in der nahezu alles und jedes sofort greif- und verfügbar sein muss. Ist es das nicht, dann führt das zu Abwendung. Für Aktivitäten in und mit der Natur gilt jedoch, dass jeder Zugewinn, jede Erfah­rung oder Erfolg immer mit persönlichem bzw. gemeinschaftlichem Aufwand verbunden ist; Gip­felkreuze besuchen auch heute noch keine Teilnehmenden, die cocktailschlürfend auf der Semi­narhotelterrasse sitzen. Um die Aussicht von einem Gipfel genießen zu können, muss man sich immer noch auf den Weg machen und Meter für Meter erarbeiten. Das ist beschwerlich und ich denke in diesem Umstand begründet sich zu einem ganz großen Teil die von Ihnen angesproche­nen Skepsis.

 

  • Frage 5: Für eine etwaige Infobox: In Österreich gibt es ein breites Angebot an Möglichkeiten, um Outdoor zu nutzen. Die Ausbildungslandschaft wirkt jedoch sehr divergent. Könnten Sie als einer, der sicher einen sehr guten Überblick hat, die derzeitige Situation bitte kurz skizzie­ren? Und worin besteht der Unterschied zu Outdoor-Training oder Erlebnispädagogik - wie es z.B. an der PH Linz einen eigenen Hochschullehrgang Erlbenispädagogik und Outdoor­training gibt.

Diese Frage ist im Grunde ganz einfach zu beantworten: Der Unterschied in den Ausbildungen liegt in dem zugrundeliegenden wissenschaftlichen Fundament bzw. den zur Arbeit herange­zogenen Theorien, Methoden und Techniken. Ein bloßes in der Natur sein und aneinanderrei­hen von verschiedenen „Übungen“ oder der Gedanke, dass bestimmte Outdoorübung ganz auto­matisch spezielle Ergebnisse bei den Teilnehmenden erzielen ist aus bildungs- und erziehungs­wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Um von bloßen „ereignis(1)- und „erlebnisreichen(2)“ Tagen dort hin zu kommen, dass nachhaltige Erfahrungen(3) gemacht und von den Teilnehmenden „Erkenntnisse(4)“ abgeleitet werden können, braucht es gut ausgebildete und erfahrene Pädagogen/-innen. Die Antwort auf Ihre Frage lautet also, der Unterschied besteht im wesentlichen darin, wie von den Outdooranbietern/-innen im Lernraum Natur Ereignisse geplant, vorbereitet, umgesetzt und begleitet werden, sodass ganz spezielle Erlebnisse möglich sind, die als konkrete Erfahrung das Verhalten (Denken, Wahrnehmen, Fühlen, etc.) positiv in Richtung Entfaltung und Entwicklung beeinflussen und dadurch ein erweitertes Wissen über sich Selbst, den anderen und die Welt im allgemeinen zur Folge hat. Im Grunde würde ich jedem/r Interessierten anraten, sich genau darüber zu informieren.

  • ad.(1) Ein Ereignis findet dann statt, wenn sich etwas verändert, wenn etwas geschieht. Als Zufalls-, Folge- oder wiederholendes inneres oder äußeres Ereignis
  • ad.(2) Von einem Erlebnis spricht man immer dann, wenn es um ein bewusst werden von inneren körperlichen, seelischen Zu­ständen und vom Alltag sich stark unterscheidenden äußeren Ereignissen handelt. Diese können befriedigend, an- und auf­regend, Stress erzeugend oder aber auch traumatisierend sein.
  • ad.(3) Eine Erfahrung ist ein Erlebnis das im Gedächtnis haften bleibt und in der Regel das nachfolgende Verhalten positiv oder negativ beeinflusst. Es werden primäre und sekundäre Erfahrungen unterschieden.
  • ad.(4) Erkenntnis bezeichnet die Fähigkeit zur Einordnung von Erfahrung in (größere) Zusammenhänge sowie das Wissen über sich selbst und die Mit- und Umwelt.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle noch einen kritischen Hinweis: Ein Outdoorangebot, das mit dem Etikett „pädagogisch“ wirbt muss diese auch enthalten. Alles andere wäre eine Täuschung! (Einen Artikel zu diesem Themenbereich mit dem Titel „Wenn zwei das Gleiche tun, machen sie dann das Selbe?“ finden Sie auf der Seite der Outdoorpädagogen/-innen. In diesem Artikel finden Sie auch einen entsprechenden Anforderungs- und Kriterienkatalog für pädagogisch arbeitende Outoortrainer/-innen.

 

Kontakt:

Bildungspartner Österreich

Mag. Dr. Manfred Hofferer

A-1230 Wien, Schwarzwaldgasse 10-12/4/2

 

Mobil: +43 (0) 664 314 28 07

E-Mail: manfred.hofferer@bildungspartner.eu

Webseite: www.bildungspartner.eu

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