Merkst Du was!?

Bildungspartner - Lernen

Erlebnisse brauchen das Gedächtnis um zu Erfahrungen zu reifen.

Lernen ist die ureigenste Eigenschaft des menschlichen Nervensystems, ein basaler Vorgang und im Grunde nicht mehr oder weniger als die unvermeidliche Reaktion auf Wahrnehmung. D.h. Leben ist Lernen und das in jedem Augenblick und Lernen ist das Anlegen von Erinnerungsspuren im neuronalen System.

 

Unablässig - ob man das möchte oder nicht und sogar im Schlaf - wird das Gehirn mit einer Unzahl an Reizen und Informationen gefüttert und genau dabei spielt das Gedächtnis - als für das Lernen notwendige Grundlage - eine entscheidende Rolle. Der Begriff „Gedächtnis“ ist als „Oberbegriff“ aufzufassen, der alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus umfasst; d.h., neben dem reinen Behalten gehört dazu auch die Aufnahme, Selektion und Ordnung sowie der geordnete Abruf. Im Grunde ein sehr leistungsstarkes System - wenn auch nicht ganz perfekt, denn es treten immer wieder einmal auch Fehler auf - aber es trennt ziemlich zuverlässig die wichtigen von den unwichtigen Informationen, sortiert und speichert diese in unterschiedlichen Bereichen im Gehirn und greift darauf in der Folge - wenn die Inhalte aktuell benötigt werden - wieder zu.

 

Das Gedächtnis hat keinen speziellen Ort

 

Entgegen der immer wieder geäußerten Vorstellungen hat das Gedächtnis keine spezifische Verortung im Gehirn und es existieren auch keine speziellen Gedächtnisneurone. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die jeweiligen Gedächtnisinhalte; also all das was mit Erinnerungen bezeichnet wird, als neuronale Korrelate (sog. Engramme) über das gesamte Neuronennetzwerk verteilt abgelegt. D.h., dass unterschiedliche Qualitäten einer Situation auch in unterschiedlichen Bereichen gespeichert werden: z.B. Stimmen oder Geräusche im auditiven Cortex, Berührungen in den somatosensorischen und Gesehenes im visuellen Cortex abgelegt werden.

 

Er weiß zu jeder Zeit was im Bewusstsein ist!

 

Ein zentrales Organ für die Bildung von bewusst werdendem Gedächtnis ist jene corticale Struktur, die den Namen Hippocampus (er ist ein Teil des limbischen Systems) trägt. Diese Struktur gibt die bestehenden Erinnerungen an die jeweiligen Hirnregionen des Vorderhirns weiter und koordiniert deren Archivierung sowie den Informationsabruf. Salopp ausgedrückt, weiß einzig der Hippocampus zur jeder Zeit, was im Bewusstsein gerade vor sich geht. Gleichzeitig ist er der „Neuigkeitsdetektor“ der registriert, wenn eine Information neu ist, um diese in der Folge für die Bearbeitung und Speicherung vorzubereiten. Hat die Information bereits einen Bekanntheitsgrad, so bleibt Aktivität aus. Wird die gleiche Information variiert bzw. in einem neuen/anderen/ungewohnten Kontext wahrgenommen, so ruft der Hippocampus die bereits vorhandene Gedächtnisspur ab und reaktiviert sie, um sie in der Folge mit der/den neuen Verknüpfung/en erneut abzulegen. Auf diese Weise werden mit jedem aktiven Erinnern bereits abgelegte Gedächtnisinhalte reaktiviert und weiterverarbeitet.

 

Im Team emotionale Erinnerungen herstellen

 

Durch die stark ausgeprägte Verbindungen des Hippocampus zur Amygdala, nimmt er eine wichtige zusätzliche Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen ein. Gemeinsam mit der Amygdala formt er das emotionale Gedächtnis. Diese Partnerschaft macht den Hippocampus aber auch für alle starken emotionalen Reize und Stressoren anfällig. D.h., dass z.B. übermäßiger Stress, Depressionen, Angststörungen oder Traumata die Verkleinerung des Hippocampus zur Folge haben.

 

Ein Besonderheit ist auch, das der Hippocampus einer der ganz wenigen Orte im Gehirn ist, an dem zeitlebens neue Nervenzellen „geboren“ werden. Wem der Hippocampus fehlt, der kann sich auch nichts Neues merken!

 

Die verschiedenen Gewänder des Gedächtnisses

 

Es existieren unterschiedliche Arten von im Gedächtnis gespeicherten Erinnerungen. Hierbei werden folgende drei Formen unterschieden:

  • prozedurales bzw. impliziten Gedächtnis: Hier sind alle Gewohnheiten, Fähigkeiten und routinemäßigen Verhaltensweisen gespeichert (unbewusst)
  • semantisches Gedächtnis: Darunter versteht man bewusstes Faktenwissen, also alle erlernten Inhalte wie z.B. dass Wissen das man einen Namen hat, die Hauptstadt von Österreich Wien heißt oder usw. an die man sich erinnern kann
  • episodisches Gedächtnis: Hier handelt es sich um eine besondere Spielform des Gedächtnisses, bei der sich der Mensch an sich selbst in der Zeit als handelnde Personen erinnern kann.

Hinweis: In der Psychologie wird das episodische und das semantische Gedächtnis unter dem Begriff „deklaratives bzw. explizites“ Gedächtnis subsumiert.

 

Schritt für Schritt zum Ziel

 

Grundsätzlich gilt, dass derartige Gedächtnisinhalte, bevor sie dauerhaft abgelegt werden und als Erfahrung zur Verfügung stehen können, mehrere Stufen der Speicherung durchlaufen und wiederholt werden müssen:

  • dabei bildet das Ultrakurzzeitgedächtnis den ersten „Puffer“ für sensorische Reize aus der Umwelt. Im Nachfeld wird die Information ins

  • Kurzzeitgedächtnis übertragen, von dort

  • dem Arbeitsgedächtnis übergeben (das eine bewusstseinsbildende Schnittstelle zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis bildet) und schließlich im

  • Langzeitgedächtnis über Langzeitpotentierungen dauerhaft und zeitlich nahezu unbegrenzt abgespeichert.

Die vorzügliche Funktion dieser stufenweisen Speicherung besteht im Besonderen darin, das relevante Informationen jeweils in dem aufbauenden Speichersystem zwischengelagert werden, um bei Bedarf von dort möglichst unmittelbar wieder abgeholt werden zu können. Hinweis: In diesem Text wird auf die Aspekte „Wachheit, Aufmerksamkeit, Konzentration, Motivation, Emotion, Umfeld und Organisation“, die hinsichtlich der Gedächtnisbildung eine Rolle spielen, nicht näher eingegangen.

 

Es braucht Spuren im Gehirn

 

Erlebnisse verwandeln sich erst über diese Speicherprozesse in konkret fassbare Erinnerungen die wiederum als Basis die zukünftigen Prozesse des Wahrnehmens, Erlebens, Denkens und in der Folge des zielgerichteten Handelns beeinflussen. Erfahrungen sind demnach Erinnerungsspuren im neuronalen System mit dem in sich selbst liegenden Ziel, den aktuellen Alltag zu bewältigen und zukünftiges Verhalten besser an die Erfordernisse der gegebenen Umwelt anzupassen.

 

Die Wichtigkeit des Gedächtnisses für die Prozesse Wahrnehmen, Erleben, Denken und in der Folge zielgerichtetes Handeln, wird erst nachvollziehbar, wenn man sich mit z.B. Amnesien (Gedächtnisstörungen) beschäftigt.

 

Diesen Fragen gehen wir in unseren Lehrgängen vertieft nach; z.B. Outdoorpädagogik, Train the Trainer oder Frauencoaching.

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

Vielleicht interessieren Sie sich auch für diese Beiträge?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0