Bodenständig

Bodenständig: Eine Begriffsbestandsaufnahme

Eine Begriffsbestandsaufnahme

Gut oder schlecht? Oder was? Oder wie?!

 

Das kleine und scheinbar einfache Wörtchen Bodenständigkeit zeigt bei genauerer Betrachtung eine eigentümliche Aura. Es versprüht auf der einen Seite so etwas wie Heimat und Tradition, und damit nicht selten von vielen eher negativ besetzte Assoziationen wie altbacken, Stillstand, Langeweile, einheimisch, unbeweglich, stur und starr, in veralteten Traditionen verhaftet oder Spießbürgertum bis hin zu Rechtsnationalen und ewig gestrig denkenden. Man ist leicht geneigt an gezupfte Rasen in Vorgärten, pünktlich von der braven Hausfrau servierte Mittagessen, die sorgsame Pflege des Bausparvertrags und Sparbuches und jederzeit sauber gewaschene Kleinwaagen; die abends selbstverständlich akkurat abgestellt und den braven Kindern sorgsam zugedeckt werden, zu denken.

 

Im Unterschied dazu (also abweichend davon) wird mit dem Begriff „Bodenständig“ aber auch jemand mit einer besonders realistischen Weltsicht bezeichnet, der bzw. die ausgestattet ist mit viel Lebenserfahrung und Umsicht sowie einem guten Vorausblick im Handeln; kurz: jemand der bzw. die ganz genau weiß, "wo es - wie man so schön umgangssprachlich sagt - wirklich langgeht". Bei der Betrachtung des Begriffs darf auch nicht übersehen werden, dass gar nicht so selten Bodenständigkeit als ein ganz wichtiger Fingerzeig auf Sicherheit und Stabilität gedeutet wird. Dazu mischen sich dann noch (neben alteingesessen, angestammt und ansässig) mögliche ergänzende und erweiternde Bedeutungen wie solide, verwurzelt, geerdet, bewährt, fundamental, gediegen, gefestigt, grundlegend, auf dem Boden der Tatsachen stehend und in den Dingen des alltäglichen Lebens geschickt sein.

 

Auffallend ist, dass neben der Politik - das möchte ich in diesem Kontext nicht genauer besprechen - die Wirtschaft sich sehr gerne und deutlich des Begriffs bedient, um seine Angebote und Dienstleistungen mit einer besonderen Firnis zu überziehen. Beispiele gefällig? Da heißt es: „Doch vor allem ist unser Unternehmen geprägt von seinen Menschen: Bodenständig und direkt, hilfsbereit und solidarisch, zusammengekommen aus vielen Teilen der Welt.“ oder „Heute ergreifen wir die Gelegenheit, uns mit unseren Dienstleistungsangeboten so zu präsentieren, wie wir sind: authentisch, schnörkellos, bodenständig und dennoch laufend innovativ.“ und „Die Angebote sind bodenständig, ehrlich und originell - unser Unternehmen bietet eine ganze Palette von ausgezeichneten Dienstleistungen, welche die KundInnen konsequent in den Mittelpunkt stellen.

 

Was die Wirtschaft kann und tut, nutzt selbstverständlich auch die buntschillernde Promiwelt und die über sie berichtende Boulevard-, Wochen- und Tagespresse. In diesen Sphären ist der Begriff Bodenständig durchaus sehr prominent (schmunzel) vertreten: „Amal Clooney: Bodenständig wie nie!“ [Bunte] Harald Glööckler mag bodenständigen Urlaub [Standard] auch „Altach (Fußballverein) ist bodenständig und trotzdem auf einem guten Weg“ [Kleine Zeitung] „Andreas Gabalier (30, „Mountain Man“) bleibt trotz seines Erfolges bodenständig“ [FOKUS online], „Jamie Dornan - So bleibt er bodenständig! [Bunte] und selbst Karl Lagerfeld sagt von sich selbst: „Ich bin eigentlich sehr bodenständig. Ich stehe bloß nicht auf dem Boden dieser Welt.“ [Facebook].

 

Beim Nachdenken über „Was ist Bodenständigkeit?“ drängen sich auch ständig unwillkürlich folgende und ähnliche Gedanken in den Kopf: Bodenhaftung, im Boden versinken, ein Fass ohne Boden, dem Fass den Boden ausschlagen oder am Boden zerstört sein, … aber das ist dann doch eine andere Geschichte. Vielleicht ist es aber auch genug, wenn man sich damit begnügt und unter bodenständig einfach nur „lange Zeit an einer Stelle verweilend, beheimatet und verwurzelt“ versteht und meint. Und Sie selbst? Sind Sie bodenständig und wenn ja, wie und was davon?

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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