Wie ist das mit der Bildung?

Bildungstrend

Einem fragwürdigen Trend auf der Spur

Durchsucht man das World Wide Web nach Aus- Fort- und Weiterbildungsangeboten im Erwachsenenbereich, dann bekommt man als ein wenig kritische/r Beobachter/in ganz rasch den Eindruck, dass nahezu alles und jedes in kürzestmöglicher Zeit und das auch zu unglaublich günstigen Konditionen erworben werden kann. Sozusagen „fast education“ bzw. „fast knowledge”, Bildungserwerb im Vorbeigehen, zwischendurch sozusagen “drive-through” so ganz nebenbei. Da muss man heute nicht mehr staunen, wenn man im Lebenslauf eines/r Mitvierzigers/in schon einmal locker zwanzig und mehr Ausbildungen findet und zusätzlich eine nahezu unzählbare Liste von Fort- und Weiterbildungen den Anhang schmückt.

 

Hinter vorgehaltener Hand wird in der professionellen Bildungsszene schon lange von eher sinnfreien Turbo-Abschlüssen, Schmalspurausbildungen und von zunehmend kompetenzleerer Bildung gesprochen. Was ist da los, wie ist das möglich und vor allem welche Konsequenzen hat das?

 

Der Trend (die Hintergründe und Ursachen bleiben hier unberücksichtigt) driftet im Bildungsmarkt deutlich spürbar immer stärker in Richtung

  • Reduktion [bitte nicht mit didaktischer Reduktion verwechseln!] (… das müssen Sie nicht genau wissen, es reicht völlig aus, wenn Sie sich dazu selbst Gedanken machen!“),
  • Vereinfachung („... reden Sie einfach miteinander und vergessen Sie alles was Sie da an theoretischem Zeug über Kommunikation gehört haben.“),
  • Trivialisierung („Wenn Sie [Thema Stress] das beachten kann gar nichts mehr schief gehen“),
  • Popularisierung (Was Kommunikation genau ist kann in der kurzen Zeit nicht erklärt werden, es genügt, dass Sie wissen, dass es ein Vier-Ohren-Modell gibt“),
  • Generalisierung („Im heutigen Wirtschaftsleben dreht sich alles um professionelle Kommunikation“),
  • Subjektivierung („Dazu gibt es keine und gab es nie allgemeine Aussagen, das ist von Mensch zu Mensch, von Zeit zu Zeit und Situation zu Situation völlig verschieden“) versetzt mit hanebüchenen und ideologisch getriebenen
  • mehr oder weniger kreative Eigenschöpfungen („Gute Kommunikation läuft wie mit Außerirdischen, telepathisch, d.h., der Angesprochene hört die Worte im Kopf, nicht mit den Ohren“), die einem halbwegs bei Sinnen seiendem und vernünftigem Menschen die Haare zu Berge stehen lassen, bis hin zu
  • werbewirksam aufbereiteter formelhafter Rezeptologie („Sie sind nur fünf Schritte von guter Kommunikation entfernt: Ich zeige Ihnen wie es geht!“).

Diese Aussagen sind, um es mit einer alten Redensart auszudrücken, mir nicht „aus den Fingern gesogen“ [1] und keine besonderen Zuspitzungen, sondern das Ergebnis „primärer Erfahrungen“ aus mehr oder weniger alltäglichen Gesprächen mit in der Bildungslandschaft „Lehrenden“. Der Umstand derart reduzierter und verbogener „Realität“ verstärkt sich zudem noch dadurch, dass in der Erwachsenenbildung Teilnehmende mit zwei- oder sogar mehrfach reduzierten Realitäten, Theorien, Inhalten bzw. eigenwilligen selbst gestrickten Auslegungen und Thesen konfrontiert werden.

 

Da verwundert es natürlich nicht, wenn z.B. ein Kommunikations- oder Konflikttraining, ein Stress- oder Burnoutprophylaxeseminar, an einem halben Tag mit dem - bzw. in ähnlicher Weise formulierten - Werbeversprechen „... umfassende Information und breit angelegte Übungsmöglichkeiten zum Themenbereich“ angeboten werden. Selbstverständlich kann man auch schon an einem einzigen Tag wahrhaft erfassen und („Sie werden an diesem Tag wahre) Meisterschaft entwickeln“, was zur effektiven Mitarbeitendenführung, zum Umgang mit Lehrlingen bei Disziplinproblemen oder hinsichtlich der Intervention bei unmotivierten Mitarbeitenden notwendig ist. Und dann gibt es da noch die besonders zeitlich und inhaltlich auf das Äußerste reduzierten und trivialisierten „Bildungsangebote“, bei denen man schon in der Zeit von 17.30-19.15 an drei Abenden das wahre Glück des Lebens nicht nur finden und erkennen, sondern am eigenen Leib erfahren, verstehen und glücklich nach Hause gehen kann. Die Kosten dafür? 580,- pro Teilnehmende/n; netto und das ganze mit einem „zertifizierten Abschluss“ mit dem Titel „persönlicher Glückscoach“

 

Anbieten kann man, ohne Frage, alles und jedes, aber wirklich verwunderlich ist, dass es Menschen gibt, die es fürwahr nehmen und ernsthaft glauben, dass auf diesem Wege gute Bildung bzw. ein entsprechender Kompetenzerwerb möglich ist.

 

Möglich werden derartige Angebote (von fehlendem fachlichem Verstand abgesehen), wenn etwas an sich Komplexes, Kompliziertes, nicht gerade einfach zu Fassendes oder nur mit notwendigem Hintergrundwissen zu Begreifendes so weit ausgedünnt, gerafft und reduziert wird, dass es in diese zuvor genannten kleinen Zeitfenster passt. Hinsichtlich derartiger Reduktionen und Trivialisierungen (s.o.) ergibt sich jedoch (nicht nur) aus bildungswissenschaftlicher Sicht ein ernsthaftes Problem. Die beispielhaft oben angesprochenen Themen und Inhalte - die an sich nicht trivial sind - werden dadurch nicht nur verkürzt, sondern auch durch derartige Trivialisierungen Ihrer Besonderheit - also dessen, was sie im Grunde eigentlich auszeichnet und als Gegenstand interessant machen könnte - beraubt. (Erfahrene Bildungsanbieter kennen den Gesichtsausdruck der Teilnehmenden wenn angekündigt wird, dass jetzt das Thema „Kommunikation“ besprochen und bearbeitet werden soll!) Damit stellt sich fast automatisch auch der Umstand ein, dass es gleichzeitig ungleich schwerer wird, Teilnehmende mit den Gegenständen als etwas Besonderes zu konfrontieren und zu beschäftigen. Wenn das Außergewöhnliche, das Besondere, Ungewöhnliche, Spezielle oder Spannende fehlt, sinkt erfahrungsgemäß auch das Interesse, die Hinwendung sowie die Neugier und damit der „persönliche Einsatz“ den jeweiligen Gegenstand tatsächlich kritisch hinterfragend, selbstständig denkend sowie in Auseinandersetzung mit anderen zu erkunden, zu fassen, zu begreifen, in weiterer Folge einem Verständnisprozess zuzuführen und als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage für zukünftiges Tun heranzuziehen.

 

Ein weiteres gewichtiges Problem ergibt sich in der Weise, dass es nahezu unmöglich wird, die Teilnehmenden bzw. deren Wissens- und Ausbildungsstand einzuschätzen und in der Folge als kompetent oder aber auch nicht, zu bewerten. Nicht selten muss vor einer Bildungsmaßnahme reduziertes, trivialisiertes, versubjektiviertes usw. „Wissen“ erst einmal darauf hin untersucht werden ob es Deckungen oder Übereinstimmungen gibt und durch Überwindung von mitunter massiven Widerständen soweit „objektiviert“ werden, um überhaupt eine gemeinsame Gespächs- und Denkbasis hinsichtlich eines Gegenstandes, Inhalts oder Themas herzustellen. Ein eindeutiges Indiz dafür sind die eher mühsamen Diskussionen über im Grunde ganz klare Sachverhalte wie z.B. „Was ist Motivation?“, „Bedürfnistheorie“ oder die „Unterscheidung von Diskrepanz und Konflikt“ u.v.m.

 

Aber es zeigen sich auch Lichtblicke. Im Unterschied zu diesem Trend erleben wir derzeit bei unseren Gesprächen mit Interessierten und Teilnehmenden aber auch eine leichte Gegenbewegung. Es gibt wieder zunehmend mehr Menschen, die auch an mehr und detaillierter Information Interesse zeigen und sich nicht mehr mit auf wenige Kernsätze reduzierte, ungeprüfte Information, verballhornte und zweifelhafte Eigenkonstruktionen in Form von recht „appetitlich und leicht konsumierbar“ aufbereitete Inhalte begnügen.

 

Fazit: Ein Segen, wenn man einen Referenten/Trainer/in findet, der/die „fachlich sauber“ das Kommunikationsmodell von Shannon & Weaver (1949) erklären kann und in der Folge die Teilnehmenden zu eigenständig ableitendem Denken über Kommunikation anregt und begleitet.


[1] So heißt es etwa im "Großen lutherischen Narrenbuch" des Thomas Murner (1475-1537): "Und ist erdichtet und erlogen/dan ihr habts auß den fingern gesogen"

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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