Was tut sich da?

Verhalten Seminarteilnehmende

Jede Zeit hat ihre Veränderung!

Vergangenes Wochenende haben sich im kleinen Kreis eine Reihe von Erwachsenenbildner/innen zusammengesetzt und einen Meinungsaustausch über Erfahrungen und Trends [1] hinsichtlich des Verhaltens von Seminarteilnehmenden geführt.

 

Jede/r Trainer/in kennt Situationen, in denen engagierte Teilnehmende andere an die Wand reden und keine weitere Meinung zu lässt, erkennt die Destrukteuere/innen, oder still Dasitzende die sich mit keinem Ton am Seminargeschehen beteiligen und am Ende immer dagegen sind. Oder Situationen, wo alles stockt und gar nichts mehr geht, das Gespräch aus dem Ruder läuft, keiner mehr dem anderen zuhört und die Gruppe in diskutierende Kleinstgruppen zerfällt. Das sind typische Situation und gut ausgebildete Trainer/innen wissen um die Möglichkeiten, wie damit umzugehen ist.

 

In den letzten Jahren hat sich aber grundsätzlich etwas im Verhalten von Teilnehmenden verändert und es scheint so als würde sich ein neuer Typus von Teilnehmendenverhalten etablieren. Diesem neuen Typus nach- und dessen Charakteristika aufzuspüren, war das Ziel des Gesprächs. Folgende 12 Punkte haben sich dabei herauskristallisiert, die so etwas wie einen neuen Trendcharakter zeigen:

  • Vermischung von sozialen Anliegen und (so vorhanden) Wissens- und Lernbedürfnissen (Zitat: „Ich bin in Ihr Seminar gekommen weil auch zwei meiner Bekannten hier sind. Da haben wir endlich wieder einmal Zeit füreinander)

  • fehlendes Bedürfnis und/oder Interesse an vertiefter Auseinandersetzung (Zitat: Was interessieren mich die ganzen Hintergründe. Sagen Sie die Fakten und Pasta! Dann haben wir mehr Pause.)

  • zunehmend stärker ausgeprägte „jetzt bedien mich endlich Haltung“ (Zitat: „Warum soll ich darüber nachdenken? Sagen Sie mir doch wie das mit den Konflikten bei mir ist; sie sind doch hier der Experte!“)

  • deutliche Anstrengungsvermeidung (Zitat: „Das ist jetzt aber nicht ihr Ernst! Dazu sollen wir ein Flipchart anfertigen? Echt? Für jede Person ein Eigenes?“)

  • immer deutlichere Forderungen nach Bildungsentertainment (Zitat: „Geht das nicht vielleicht ein bisschen lustiger; ich meine mit mehr Action oder so?“)

  • Probleme mit der Arbeitsdisziplin (Frage der Seminarleiterin an zwei Teilnehmende die 15 Minuten nach Seminarbeginn aufstehen und den Raum verlassen: „Darf ich fragen was sie jetzt vorhaben?“ Antwort: „Für uns ist es jetzt genug, wir machen eine kurze Pause, das passt doch, oder!?“)

  • Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement (Teilnehmende kommen 15 Minuten nach der 2-stündigen Mittagspause zu spät. Zitat: „Also die nächste Pause muss unbedingt länger sein!)

  • Aufgabenverständnis (Zitat: Also wir sind in unserer Gruppe in den 25 Minuten zu der Frage „Was sind meine konkreten Erwartungen?“ zu keinem Ergebnis gekommen, da wir über unsere Partner/innen gesprochen haben“. Da haben wir etwas falsch verstanden. Das ist jetzt doch kein Problem, oder?)

  • starke Asymmetrie von Kritik üben bzw. annehmen und aushalten (Zitat: [sehr emotional] „Meine Ansichten hat hier aber auch ganz genau niemand in Frage zu stellen, damit das klar ist! Wenn ich das so sage, dann meine ich das auch. O.k.!)

  • Abneigung gegen und Ablehnung von diskursiven Gesprächsrunden (Zitat: „Bitte was gibt es da zu besprechen? Also das müssen wir jetzt aber nicht unbedingt in der Gruppe lang und breit diskutieren!“)

  • zunehmend fehlende Höflichkeit (Zitat: „Sofort, ich mach nur noch schnell den Eintrag in Facebook“ [diese Aussage wiederholt sich alle 15 bis 20 Minuten] Bitte wie war Ihre Frage? Entschuldigen Sie, machen Sie mit mir ein Selfie?)

  • immer häufiger auftretende Übermüdung (es kommt häufiger vor, als man das glauben möchte, dass Teilnehmende während des Seminarbetriebs vor sich hindösen bzw. sogar einschlafen.)

Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich - so die Gesprächsteilnehmenden -, wenn sich damit verbunden ein weiterer Trend entwickelt, nämlich, dass sich Seminaranbieter/innen zunehmend entschließen, klare Eingangsbedingungen zu formulieren und eben nicht jede/n Interessierten in ihre Bildungsangebote aufnehmen. Um darauf reagieren zu können und nicht zunehmend in einer schalen Oberflächlichkeit zu versanden, müssen zukünftig Ideen entwickelt werden, wie diesen Entwicklungen als Trainer/in im Ansatz begegnet werden kann.

 

Fazit: Insgesamt ein spannender, launig-lustiger und sehr erkenntnisreicher Tag!

 

[1] Damit keine Unklarheit entsteht, soll darauf hingewiesen werden, dass mit dem Begriff „Trend“ hier eine grundsätzliche Richtung, in die sich etwas entwickelt gemeint ist.

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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