Erst denken, dann teilen!

Im Bewusstsein, dass die, die es am meisten betrifft, diesen Beitrag nicht zu Ende lesen werden!

 

Immer wieder stoßen wir auf geteilte (scheinbare) Fachbeiträge, Jubelmeldungen, besonders plausibel erscheinende neue Ergebnisse, Berichte über Heroen und Wunderwuzzi, es werden Warnungen verbreitet, neue Methoden angepriesen u.v.m. die offensichtlich ohne irgendeine kritische Hinterfragung oder Überprüfung einfach weiter geteilt werden. Vielleicht denken Sie: „Ich doch verständlich! Ich habe es gelesen, es hat mir gefallen/ich habe es für gut befunden/das ist mir plausibel erschienen/das ist auch meine Meinung etc. und dann habe ich es halt gelikt und geteilt.

 

Das ist kein - sagen wir einmal vorsichtig - echtes Problem, wenn es sich dabei um irgendwelche Spaß- und/oder Juxbeiträge handelt. Problematisch wird das ganze aber immer dann, wenn Beiträge, Kommentare, Gerüchte als wissenschaftlich abgesicherte Fachmeinungen weiter gepostet werden, die mit z.B. der Gesundheit, der Bildung, dem Erfolg, der Politik, Religion oder anderen sensiblen Themen zu tun haben.

 

Dabei könnten die meisten Unsinnigkeiten und "Hoaxes" mittels einer ganz einfachen Recherche - dafür gibt es Suchmaschinen - auf ihre Seriosität, ihren Hintergrund, ihre Gültigkeit bzw. ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Das liegt immer in der Verantwortung jedes/r einzelnen Social Media-Nutzers/in! Wer postet muss immer auch sicherzustellen, dass die Informationen, die geteilt und den „Freunden“ angeboten (oftmals zugemutet) werden, auch wahr sind. Ist das nicht der Fall, dann wird dadurch vor allem die Qualität des eigenen Auftritts nachhaltig gemindert.

 

Warum ist das so? Was ist dafür verantwortlich? Wie erklärt sich dieser Umstand?

 

Ein Ansatz ist - neben purer Einfalt -, sich einmal genauer die Wahrnehmungs- und Beurteilungseffekte anzusehen. Nachstehend dazu 14 Beispiele:

  1. Andorra-Effekt: Wahrheiten entstehen durch Wiederholungen und Informationen die von vielen mit z.B. „Wahr“ bewertet werden, werden auch leichter unreflektiert übernommen. TIPP: Vergessen Sie nicht, nur weil etwas wieder und wieder gesagt, geschrieben oder geteilt wird und scheinbar viele davon überzeugt sind, heißt das noch nicht dass es auch wahr, richtig oder gut ist.

  2. Barnum-Effekt: Vage und allgemeingültige Aussagen (und deren gibt es bei den Bildungspropheten, in der Werbung und Politik genügend) werden eher als zutreffend empfunden denn konkret-spezifische. Das Allgemeine bekommt rasch ein „Ja“ während das Spezifizierte mit hoher Wahrscheinlichkeit mit „Ablehnung und Widerstand“ rechnen muss. TIPP: Wenn Ihnen ihr Gehirn unvermittelt ein „JA“ zur Verfügung stellt, dann sollten Sie sich auf die Suche nach dem Spezifischen machen!

  3. Bradley-Effekt: Sie kennen diesen Gedanken bei sich? „Endlich einmal einer der die Wahrheit sagt!“ Ganz in Sinne der David gegen Goliath Geschichte werden z.B. Meinungen von Außeneitern von ganz bestimmten Personen stärker unterstützt. TIPP: Das Gute an dieser Sache ist, dass dieselben – wenn es dann wirklich darauf ankommt – sich genauso wie der Rest verhallten!

  4. Der Framing-Effekt: Bei diesem Effekt wird die Rationalität bei Einschätzungen oder Entscheidungen fast zur Gänze außen vor gelassen. Verantwortlich dafür ist der Rahmen in dem eine Information präsentiert wird. Kommt eine Information z.B. im Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit daher dann steigt die Wahrscheinlichkeit der Zustimmung. Tipp: Es kommt nicht immer auf die Formulierung bzw. den Darstellungskontext sondern, auf den Inhalt an; überprüfen Sie diesen!

  5. Dunning-Kruger-Effekt: Besonders inkompetente Menschen halten andere (z.B. Kritiker/innen von Theorien) für besonders inkompetent. Die eigene Über- und die konsequente Unterschätzung der anderen ist das Thema TIPP: Hier ist es besonders schwer, denn derart inkompetente Menschen sind nicht in der Lage das Ausmaß ihrer Inkompetenz zu erkennen.

  6. HALO-Effekt: Ein einziges Merkmal überstrahlt alle anderen. „Na wenn das der berühmte Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Seppi Vogelkopf gesagt hat!“ Aber auch eine einzige Frage, Aussage oder Feststellung kann so formuliert sein, dass alle nachfolgenden Gedanken dadurch entscheidend beeinflusst sind. TIPP: Immer dann wenn alles so ganz logisch aneinander passt und man richtig mitgerissen ist, wird es wichtig ein Stopp einzuziehen und den Ausstrahlungseffekt zu identifizieren. Was macht es aus, dass

  7. Irritationseffekt: Die Verpackung macht erst den Wert der Aussage! Es macht einfach einen Unterschied ob Hans Meier aus Liebenfels oder Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Seppi Vogelkopf von der Universität Lukluk etwas sagt! TIPP: Nehmen Sie sich Zeit und überprüfen Sie einmal wer die Person ist und was sie tatsächlich macht. Und dazu kommt: Nur weil sich Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Seppi Vogelkopf von der Universität Lukluk den Daumen mit einem Hammer blau haut um glücklich zu sein, tun Sie das doch nicht unreflektiert auch!

  8. Kleber-Effekt: Was sich einmal als gut, angemessen, richtig oder passend herausgestellt hat bleibt in der Regel auch zukünftig so. Wurde man z.B. einmal darin bestätigt, dass Lehrer/innen sich nicht adäquat um Kinder kümmern, dann bleibt dieses Image relativ stark am Bild von Lehrer/innen haften. TIPP: Bedenken Sie immer, was in einer Situation passt, kann in einem anderen Kontext völlig daneben sein!

  9. Lock-in-Effekt: Ist man einmal von einer Idee/Sache/Theorie überzeugt, ist es wie mit dem Markenrasierern die nur mehr ganz bestimmte Klingen zulassen. TIPP: Denken Sie einfach noch einmal darüber nach. Es gibt immer auch andere Möglichkeiten ;-)

  10. Placeboeffekt: Was eine (scheinbar) angesehene Person sagt, tut oder für wahr hält ist Gesetz! TIPP: Überprüfen Sie einfach einmal diese Personen über die Suchmaschinen im Internet

  11. Primäreffekt: Menschen bewerten Informationen anhand von Erinnerung und Erfahrungen die einfach und rasch ins Gedächtnis gerufen werden können (Sie erinnern sich ganz bestimmt an ein negatives Erlebnis mit Ihrer Lehrperson. Nichts einfacher für die neuen Bildungsdemagogen genau hier anzuknüpfen). Die eigenen Erinnerungen werden dann auch als wichtiger und überzeugender interpretiert. TIPP: Wen Sie von etwas sofort überzeugt sind, dann legen Sie es zur Seite und lesen es mit Abstand noch einmal.

  12. Stroop-Effekt: Besonders Zitate erfolgreicher Menschen, Sprüche, Metaphern und beeindruckende Aussagen blenden ganz stark. TIPP: Was wäre der Text/die Information/der Beitrag, wenn er diese Zitate nicht hätte?

  13. Valins-Effekt: Ist ein Beitrag mit bestimmten Emotionen verknüpft (z.B. Schule) wird dieser eher als plausibel wahrgenommen. TIPP: Betrachten Sie die Information einmal ganz nüchtern ohne die bei Ihnen angesprungenen Emotionen!

  14. Werther-Effekt: Vor allem besonders bildhafte Sprachdarstellungen regen dazu an, dass ganz bestimmte Reaktionen ausgelöst werden. Wird also z.B. in den Medien viel über Selbstmorde berichtet dann steigen Selbstmorde. TIPP: Wenn Sie schon beim Lesen „Ja, das stimmt/kenne ich/bin ich auch überzeugt Impulse“ bei sich wahrnehmen, sollten Sie den Text wiederholt auf seine Aussage, Absicht und den Hintergrund lesen.

 

Fazit: Es geht zwar nicht ganz ohne, aber man kann sich seiner Wahrnehmungsverzerrungen und Beurteilungsfehler zumindest immer wieder bewusst werden. Und Ihnen bleibt - wenn Sie diesem Beitrag Glauben schenken wollen und ihn teilen möchten – nun die Aufgabe, zu recherchieren, ob der Inhalt in Ordnung ist und tatsächlich bedenkenlos geteilt werden kann ;-)

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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