Hochseilgarten!?

Wozu ist ein Hochseilgarten und was macht man dort?

Was soll das eigentlich?

Immer öfter berichten die Medien darüber, fast alle haben schon davon gehört, viele kennen es aus eigener Erfahrung, aber die wenigsten wissen, was sich genau dahinter verbirgt. BPÖZ hat Fragen, die immer wieder an uns herangetragen werden, zusammengestellt und Manfred Hofferer gebeten, dazu Stellung zu nehmen.

 

Wozu ist diese "Kraxelei" eigentlich gut?

 

Gute Frage! In gut geführten Hochseilgärten können Besucher/innen neben dem „körperlich-sportlichen Training“, dem Spaß und Fun, für die Persönlichkeit wichtige Basisfähigkeiten erarbeiten, erwerben und erweitern. Da geht es dann z.B. um die Neudefinition von Denk- und Handlungsmöglichkeiten, die Erweiterung von sich Zutrauensgrenzen (auch wenn das schon ein ziemlich ausgelutschter Begriff ist – Psychologen/innen wissen was ich meine), dem sich seiner Vorsicht und Ängstlichkeit zu stellen, Entscheidungen zu treffen, zusammenzuarbeiten, klar miteinander zu kommunizieren, durchzuhalten und nicht gleich aufzugeben, Ziele in mehreren Angriffen, sukzessive zu erreichen u.v.m.

 

Entschuldigung für die naive Frage, aber das heißt, da kann mal also wirklich etwas lernen?

Ganz klar! Dazu kommt, dass der Hochseilgarten aus meiner Sicht ein wunderbares unmittelbares Experimentierfeld für den Raum zwischen vermeintlichem und echtem Wissen und Tun zur Verfügung stellt. D.h., - und jeder/e weiß und kennt das - man kann zwar vieles „kognitiv Wissen“, ob es oder man sich dann auch entsprechend verhält, zeigt sich immer nur im konkreten Tun, in einer realen Situation. Es macht einfach einen wesentlichen Unterschied, Durchhaltevermögen kognitiv erfassen und definieren zu können und tatsächlich in einer anspruchsvollen und herausfordernden Situation durchzuhalten.

 

Aber, das möchte ich hier bitte kritisch anmerken, ist dort, wo die Parkarchitektur mehr oder weniger offensichtlich auf Spaß und Fun ausgelegt ist, es enorm schwer, entsprechend ernsthafte Aktivitäten in diesem Sinne zu initiieren.

 

Wie gesichert ist dieses Wissen, dass dieses Lernen nachhaltig ist?

 

Heute weiß man - relativ gut abgesichert - , dass sich konkrete Erfahrungen und davon abgeleitete Erkenntnisse (bitte nicht Ereignisse, Erlebnisse oder sonstige nette Vorkommnisse) in Form von „neuronalen Spuren“ im Gehirn einschreiben und das „Überzeugungs- bzw. Glaubenssystem” in Form von handlungsleitenden Mustern, wie „Ich kann wesentlich mehr als ich mir zugetraut haben“. „Ich schaffe das.“, aber auch, „Das lasse ich besser sein, wähle einen anderen Weg, eine andere Vorgangsweise oder Strategie und dann bin ich erfolgreicher und es geht es mir besser“ usw. entscheidend beeinflussen und über den Hippocampus rasch abrufbar, bereitgehalten werden.

 

Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn diese „Herumkraxelei“ im Hochseilgarten auch zunehmend öfter für die Persönlichkeitsentwicklung und auch die Psychotherapie entdeckt und genutzt wird. Hier gibt es aktuell eine Reihe wirklich guter Ansätze, aber leider auch immer noch viel Humbug, groben Dilettantismus und Täusch- und Beutelschneiderei.

 

Naiv ist die breit propagierte Vorstellung, „Man muss es nur einmal gemacht haben und dann ändert sich das ganze Leben” und jede/r kennt das an dieser Stelle gerne herangezogene konfuzianische Sprichwörtchen: „Erzähle mir und ich vergesse. Zeige mir und ich erinnere mich. Lass es mich tun und ich verstehe.“ Wer nur ein wenig ernsthaft darüber nachdenkt, weiß, dass es so einfach nicht ist!

 

… und wie ist das nun mit gesichertem Wissen?

 

Leider gibt es aus meiner Sicht und meines Wissens dazu noch viel zu wenig wirklich gesichertes wissenschaftliches Material. Das hat mit großer Wahrscheinlichkeit aber auch damit zu tun, dass dieser Bereich in weiten Teilen zum einen von diesem schwammigen Konzept der Erlebnispädagogik überspannt und besetzt ist - alles kann; da es keine „echte Definition” dafür gibt, bekanntlich auch alles sein - und zum anderen die sehr starke touristische, jetzt hab ich Spaß und vertreib ich mir ein bisserl die Zeit, Ausrichtung.

 

Dazu kommt auch, dass es sich um eine relativ junge – also wenn man in “Theorieentwicklungszeiträumen” denkt - Entwicklung handelt. Wenn man bedenkt, dass die ersten Hochseilgärten in unseren Breiten erst vor rund 20 Jahren gebaut wurden, dann kann man den Umstand, dass erst heute langsam psychologisch-pädagogisch-therapeutische Konzepte dazu entstehen, durchaus verstehen. Meine ersten beiden Publikationen zu diesem Themenbereich waren im Jahre 2000 und trugen die Titel: Klettern mit Kindern mit Problemverhalten und Outdoor-Aktivitäten.

 

Zudem kommt, dass sich neue Ansätze auch aus der Umklammerung der Begrifflichkeit der Alltagssprache und der Erlebnispädagogik befreien müssen. Das ist nicht wirklich einfach, da die Assoziationen mit dem Begriff Hochseilgarten relativ unmittelbar bei den Menschen die Verbindung zu Spaß, Fun, Incentives und im besten Fall Teamentwicklung auslösen. Hier wäre aus meiner Sicht eine klare und deutliche Abgrenzung und Alleinstellung hilfreich und notwendig. Im Bereich Hallenklettern bzw. Klettern in der Rehabilitation und bei der Behandlung von Burnout-Patienten, ist das bereits ein Stück weit gelungen.

 

Was ist das Problem genau, dass Sie im Zusammenhang mit der Erlebnispädagogik ansprechen?

 

Ganz einfach auf den Punkt gebracht, weil in diesem Kontext nicht ausreichend wissenschaftlich gearbeitet wird. In diesem Bereich wird zwar viel und von vielen, völlig unabhängig voneinander, eklektisch zusammengesammelt, beschrieben, erzählt und vor allem behauptet, aber die Substanz der Wirkung dahinter gleicht der Eisdecke eines gerade noch zugefrorenen Sees im fortgeschrittenen Frühjahr.

 

Wer sich näher dafür interessiert, dem/der sei dazu der Aufsatz von Univ.-Prof. Dr. Günter Amesberger und Dr. Karl Schörghuber ans Herz gelegt. (siehe Hinweise am Ende)

 

Sie haben zuvor das Stichwort „Teamentwicklung bzw. Teamtraining“ gegeben. Was muss man sich da in einem Hochseilgarten vorstellen?

 

Das ist wie bei allen anderen Team- oder Führungskräfteentwicklungsseminaren auch. Am Anfang steht eine

  • intensive Analyse mit dem Fokus auf die Stärken und Schwächen,
  • im Anschluss kommt eine Definition des/der Ziels/e und
  • die Abklärung zu welchem Zweck das Training dienen soll und schließlich
  • in welcher Intensität und Art es ausgeführt werden soll.

Danach wird dann entschieden, was an Aktivität und Aufgaben sinnvoll sind und wie sie konkret ein- und umgesetzt werden können; z.B.: welcher Parcours bei der Bewältigung mit welchen Aufgaben und Themenbereichen besetzt wird. Das kann nicht mehr von “Heinrich und Resi” gemacht werden, sondern braucht in jedem Fall Personal, dass auch den Trainingsprozess fachlich und inhaltlich begleiten und führen kann!

 

In Ihren Antworten klingt immer wieder leise Kritik an der Spaß- und Fungesellschaft durch. Ist das so?

 

Ganz und gar nicht! Das gehört dazu, ist wichtig, gut und legitim! Genau so lange ist das für mich in Ordnung, wie sich die Angebote nicht als etwas am Markt darstellen und verkaufen, das sie nicht sind! Dort stört mich dann dieses scheinheilige Werbegetöse und ich frage mich, warum man nicht ganz einfach sagen kann: „Wir sind eine Freizeiteinrichtung, in der geklettert wird, Spaß und Fun im Vordergrund steht und in der auch andere kurzweilige Angebote in Anspruch genommen werden können. Passender Werbeslogan dazu wäre: Kommen Sie und finden für sich, was Sie gerne tun und hätten.“ So sehe ich das!

 

Ihre Kritik geht nicht gegen den Spaß und Derartiges, sondern gegen so etwas wie Etikettenschwindel?

 

Ganz genau!

 

Hochseilgarten und Arbeit mit Kindern, wie sehen Sie das?

 

Puhu, das ist ein ganz eigener Bereich und nicht einfach in aller Kürze zu fassen. Vielleicht gelingt es mit dieser Feststellung: Ich vertrete die Meinung bzw. bin fest davon überzeugt, dass die Arbeit mit Kindern - und hier würde ich auch Jugendliche einschließen - im Hochseilgarten - im Besonderen, wenn die Wörtchen „pädagogisch“, „Entwicklung“, Veränderung“ oder/und „Lernen“ im Spiel sind, Profis; also Pädagogen/innen bzw. speziell pädagogisch- und entwicklungspsychologisch geschultem Personal, vorbehalten sein sollte - keine netten Animateure/innen. Warum? Ein zwar nicht gerade schöner aber plakativer Vergleich: Ich gehe stark davon aus, dass Sie an Ihre Heiztherme auch keine Laien heranlassen. Das ist ein Gebiet für Spezialisten/innen. Genauso ist das bei Kindern und Jugendlichen.

 

Als Entwicklungs- und Entfaltungsbereich sind aus meiner Sicht und Erfahrung, Niedrig- und Hochseilgärten und nicht zu vergessen auch der Bereich Mobile Seilarbeit, ein sehr gutes “Spielfeld” für die Entwicklung der Köperlich- und Persönlichkeit, der Sozietät sowie der Psyche der Kinder und Jugendlichen. Dort finden sie, nahezu unzählbare Möglichkeiten vor, sich spielend- und experimentierend, im Miteinander, an unterschiedlichsten körperlichen, geistigen, kognitiven, leistungsmäßigen und sozialen Herausforderungen auszuprobieren.

 

Wie sieht in so einem Hochseilgarten die Kundschaft, aus?

 

Ich gehe davon aus, dass nicht deren Aussehen, sondern die Aufteilung der Kundenschichten gemeint ist? Ja! Da müssen die jeweiligen Hochseilgärtenbetreibenden befragt werden. So weit ich Betreibende kenne - das ist aber bitte nicht repräsentativ! - liegt die Aufteilung bei über 50% touristische Kunden/innen ca. 35% kommen aus dem Schul- und Lehrlingsbereich und der kleinste Teil sind mehr oder weniger Wirtschafts- und Businesskunden/innen.

 

Herzlichen Dank!

 

 

Hinweis

 

In diesem Sinne: Vielleicht sehen wir uns in der einen oder anderen Ausbildung der Bildungspartner Österreich - Wir freuen uns!

 

 

Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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