Die Sache Nachahmung

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Autor: Manfred Hofferer & Team, © BPÖ 2023

Zwar sind Imitation, das Lernen aus Beobachtung und die damit verbundene Nachahmung beim Lernen eine wichtige Sache, aber gerade bei stark auf „Übungen, Spielen und Aktivitäten“ aufbauenden Ausbildungen – wie das bspw. im Outdoorbereich der Fall ist – kann das ein Problem werden. In diesen Ausbildungsformaten ist Nachahmung bzw. Imitation in der Vermittlungsarbeit und Lehre nicht selten fehl am Platz und mehr kontraproduktiv denn hilfreich.

 

Im nachteiligsten Fall bleibt am Ende der Ausbildung nur hängen was den Teilnehmenden selbst gefallen hat und das wird dann ohne große Reflexion in der eigenen Praxis in einer Endlosschleife wiederholt. So lässt sich erklären, warum in Seminaren, Trainings oder Workshops; unabhängig von den Thematiken, die immer gleichen Tools zum Einsatz gebracht werden und Individualisierung und Weiterentwicklung kaum stattfinden.

Nachstehend neun Gründe, warum „Das habe ich so gesehen“, „Das hat mir gut gefallen“ und „Das wende ich jetzt auch an“ in der Ausbildung zu Jugend- und Erwachsenenbildenden eher selten der beste Weg oder die effektivste Methode ist:

  • Mangelnde Verständnisentwicklung: Wenn angehende Jugend- und Erwachsenenbildende lediglich dazu angehalten werden, Inhalte, Vorgehens- und Verhaltensweisen bzw. Übungsangebote bloß zu übernehmen bzw. nachzuahmen, ohne ein tiefes Verständnis für das zugrunde liegende Konzept zu entwickeln, haben sie zukünftig unweigerlich das Problem, das sie das Gelernte auf neue Situationen oder Problemstellungen nur schwer passend anwenden können.

  • Fehlende Selbstentdeckung: Beim übermäßigen Lernen durch Nachahmung verlieren die angehenden Jugend- und Erwachsenenbildenden die Möglichkeit, durch eigene Fehler sowie durch Versuch und Irrtum zu lernen. Fehler und der Umgang damit sind jedoch wertvolle und wichtige Lektionen, welche die Selbstentwicklung fördern.

  • Oberflächliches Lernen: Nachahmung fördert - wenn überhaupt - immer nur oberflächliches Lernen. Die angehenden Jugend- und Erwachsenenbildenden begnügen sich rasch mit einfachen, ohne die zugrunde liegenden Prinzipien im Detail zu erfassen und zu verstehen. Das hat in der Praxis nach der Ausbildung zur Folge, dass das Wissen, um die theoretischen Grundlagen, die zur Gestaltung von Trainingsangeboten wichtig sind, weder abgerufen noch sinnvoll eingesetzt werden kann.

  • Mangelnde Kreativität und Problemfähigkeit: In der Weise wie angehenden Jugend- und Erwachsenenbildenden in der Ausbildung vorgegeben wird, wie sie etwas sehen, tun, denken und einsetzen sollen, werden ihre Fertigkeiten und Kompetenzen zur kreativen und eigenständigen Problemlösung schon in der Ausbildung eingeschränkt. Das verhindert, dass zukünftig in der eigenen Arbeit sich ein eigenständiges Denken und die Entwicklung individueller und kreativer Lösungsansätze ausbreiten und verankert werden kann.

  • Begrenzte Anpassungsfähigkeit: Angehende Jugend- und Erwachsenenbildende, die überwiegend oder ausschließlich auf Nachahmung setzen, zeigen in ihrer eigenen Praxis massive Schwierigkeiten, ihr Wissen und Können auf neue und sich ändernde Situationen zu übertragen und anzuwenden. Gute Vermittlungsarbeit zielt daher immer darauf ab, das angehende Jugend- und Erwachsenenbildende in der Ausbildung die Kompetenz erwerben ihr Fachwissen nicht nur zielgruppengerecht, sondern auch situationsflexibel anpassen und einsetzen können.

  • Fehlende Motivation: Wenn angehende Jugend- und Erwachsenenbildende primäre dazu angehalten werden, Inhalte zu imitieren, verlieren sie nicht selten recht rasch das Interesse an der Lernaktivität an sich wie auch der Beschäftigung mit den dahinterliegenden Theorien. Demgegenüber regt eigenes Entdecken, Forschen und Experimentieren mit immer neuen Möglichkeiten und Varianten die Motivation und Neugierde der angehende Jugend- und Erwachsenenbildende an und fördert die Entwicklung eigenständiger Lösungen.

  • Mangelnde Reflexion: Angehende Jugend- und Erwachsenenbildende haben in Systemen wo das Vorzeigen und die Beobachtung dominant sind immer auch Schwierigkeiten, das Beobachtete zu analysieren und kritisch zu reflektieren. Die Kompetenz, das Gesehene und Gelernte infrage zu stellen, zu hinterfragen und zu verstehen; bspw. warum bestimmte Speilangebote gemacht oder Handlungen gesetzt und durchgeführt werden, ist für ein tieferes Verständnis notwendig.

  • Ungeeignete Vorbilder: Wenn die in der Ausbildung beobachteten Modelle und Tools unangebracht oder/und unangemessenes, veraltet und überholt oder vielleicht sogar unethisch sind, übernehmen nicht wenige Auszubildende diese Zugangs-, Verhaltens-, Um- und Angebotsweisen trotzdem. Daher ist es wichtig, dass sichergestellt ist, dass die Ausbildenden gute Vorbilder im Sinne von theoriegeleitetem und transparentem Handeln sind und in allen Aufgaben und Übungen positive Werte sowie Verhaltens- und Arbeitsweisen wie auch Arbeitstools vermitteln.

  • Vernachlässigung individueller Unterschiede: Jede und jeder angehende Jugend- und Erwachsenenbildende ist einzigartig und bringt unterschiedliche Interessen, Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen sowie Lernstile mit. Lehre, die primär auf Nachahmung setzt, vernachlässigt nicht nur diese Vielfalt, sondern passt auch nicht zu den individuellen Bedürfnissen der angehenden Jugend- und Erwachsenenbildenden.

Diese Argumente bedeuten jedoch nicht, dass Nachahmung grundsätzlich vermieden werden sollte. In einigen Fällen kann Nachahmung hilfreich sein, um bestimmte Techniken bzw. Kompetenzen zu erlernen; wie das bspw. bei einem Knoten der Fall ist. Es ist jedoch wichtig, die Nachahmung in einen möglichst breiteren pädagogischen Kontext zu stellen, der aktives und kritisches Denken fördert und immer die Problemlösungskompetenzen, das kreative Potenzial und vor allem die Eigenständigkeit anspricht.

 

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