
Bedeutung von Autonomie
Das Rückgrat der Mündigkeit
Autor: Manfred Hofferer & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2025
Aktuell sind weite Teile der Erwachsenenbildung Schauplätze verborgener Auseinandersetzungen. Ob es um die Inhalte von Integrationskursen, die Ausrichtung von Lehrlings-, Mitarbeitenden- oder Führungskräfteseminaren oder die Neutralität in der politischen Bildungsarbeit geht: Die Frage, was und wie Erwachsene lernen sollen, ist zutiefst politisch. Jede Interessengruppe, jede Partei, jedes Unternehmen erkennt die immense Macht, die in der Gestaltung von Kursprogrammen und der Atmosphäre in Lernräumen für Jugendliche und Erwachsene liegt.
Doch inmitten dieser teils subtilen Kämpfe gerät eine grundlegende Voraussetzung für eine funktionierende Weiterbildungslandschaft regelmäßig aus dem Blick: die Notwendigkeit der politischen Unabhängigkeit und der Eigenständigkeit der Erwachsenenbildung als kritische akademische Disziplin.
Erwachsenenbildung ist immer schon mehr als nur die Vermittlung von Jobqualifikationen oder die Kompensation formaler Bildungsdefizite gewesen. In ihrem Kern zielt sie auf die Weiterentwicklung mündiger, selbstbestimmter und kritisch denkender Menschen im Prozess des lebenslangen Lernens. Dieser Anspruch steht aber in einem natürlichen Spannungsverhältnis zu Interessen des Staates und der Wirtschaft wie auch politischer Akteurinnen und Akteure, Lernprozesse im Sinne definierter Ordnungen und Interessen zu entwickeln und umzusetzen.
Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Erwachsenenbildung ein Instrument der Anpassung oder ein Motor der Emanzipation und Demokratisierung ist. Für eine Erwachsenenbildung, die das zuvor genannte Ziel verfolgt, ist die Wahrung einer kritischen Distanz daher keine akademische Marotte, sondern ihr existenzieller Kern.
Ewige Tauziehen: Ökonomischer und politischer Nutzen versus pädagogischer Auftrag
Jeder Staat und jedes Wirtschaftssystem hat ein legitimes Interesse an der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Bevölkerung. Das soll die Wettbewerbsfähigkeit sichern, den Strukturwandel begleiten, soziale Integration fördern und grundlegende gesellschaftliche Werte implementieren und festigen. In einer Demokratie ist eines der wichtigsten Ideale die Befähigung von Erwachsenen, aktiv und informiert an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Bildungsangebote müssen sie ermächtigen, politische Prozesse zu verstehen, Argumente abzuwägen und begründet, auf der Basis von Demokratie, für ihre Rechte und Überzeugungen einzutreten. Doch die Gefahr der Vereinnahmung ist allgegenwärtig.
Wenn Aus-, Fort- und Weiterbildung primär unter dem Diktat der unmittelbaren ökonomischen Verwertbarkeit („Employability“) oder zur Durchsetzung bestimmter politischer Narrative, wie etwa in der Integrationspolitik, genutzt werden, gerät der eigentliche Bildungsgedanke ins Hintertreffen. Das Ziel, die Persönlichkeit zu entfalten und die Urteilskraft zu stärken und zu schärfen, weicht dem Ziel, funktionale, angepasste Arbeitskräfte und/oder Bürgerinnen und Bürger zu formen.
Erwachsenenbildende haben hier eine wichtige Rolle, die von kritischen Beobachtenden und Wächterinnen und Wächtern sowie kritischen Begleitenden. Ihre Aufgabe ist es nicht, politische und wirtschaftliche Direktiven widerspruchslos in didaktische Konzepte zu gießen. Vielmehr müssen sie die Vorgaben, die Ziele, Inhalte und Methoden von Aus-, Fort- und Weiterbildung wissenschaftlich analysieren, ihre Legitimität hinterfragen und auf mögliche unbeabsichtigte Folgen hinweisen. Z. B. führt die aktuelle Arbeitsmarktförderung wirklich zu nachhaltiger Beschäftigung durch die Verbesserung der Ausbildung oder nur zu einer „Drehtür-Qualifizierung“? Fördern Seminare, Trainings und Workshops Kreativität oder Konformität? Reproduzieren bestimmte Bildungsangebote soziale Ungleichheit? Diese und viele andere Fragen können nur in einem Klima der akademischen Freiheit gestellt und auch entsprechend beantwortet werden.
Vergangenheit und Gegenwart: Wenn Bildung zur Waffe wird
Um die verheerenden Konsequenzen einer politisch geknebelten Erwachsenenbildung zu verstehen, genügt ein Blick in die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zwei Diktaturen haben auf radikale Weise demonstriert, wie die organisierte Bildung für Erwachsene zur Stütze einer totalitären Ideologie umfunktioniert werden kann.
Zuerst im Austrofaschismus ab 1934: Nach der Zerschlagung der Demokratie nutzte das autoritäre Regime des „Ständestaats“ die Erwachsenenbildung gezielt zur ideologischen Formierung. Die vielfältige und progressive Bildungslandschaft der Ersten Republik, insbesondere die sozialdemokratische Arbeiterbildung des „Roten Wien“, wurde zerschlagen. An ihre Stelle trat die Monopolorganisation der „Vaterländischen Front“ mit ihrem „Neuen Leben“. Ihr Ziel war die Erziehung des „neuen Österreichers“ im Sinne einer klerikal-autoritären und antidemokratischen Ideologie. Pluralismus und kritisches Denken wurden durch patriotische Indoktrination und die Propagierung einer ständischen Ordnung ersetzt.
Noch totaler war die Vereinnahmung nach dem „Anschluss“ an NS-Deutschland 1938. Die „Gleichschaltung“ erfasste die österreichische Erwachsenenbildung mit brutaler Geschwindigkeit. Sämtliche noch bestehenden unabhängigen Vereine und konfessionellen Bildungswerke wurden aufgelöst oder in NS-Organisationen wie „Kraft durch Freude“ (KdF) und das „Deutsche Volksbildungswerk“ zwangsintegriert. Jede Form von Bildung diente fortan ausschließlich der Verbreitung der nationalsozialistischen Rassenideologie, der Verherrlichung des „Führers“ und der mentalen Vorbereitung auf den Krieg. Die Erwachsenenbildung wurde zu einem reinen Instrument der Propaganda und der totalen Kontrolle.
Diese historischen Beispiele aus Österreich sind eine eindringliche Mahnung: Wo die politische Unabhängigkeit der Erwachsenenbildung endet, beginnt die systematische Manipulation. Sie verliert ihren emanzipatorischen Anspruch und wird zu einem willenlosen Werkzeug der Macht.
Aber es ist auch aktuell Wachsamkeit geboten. Während in autoritären Regimen die Medien als direktes Propagandawerkzeug dienen, zeigt sich in Österreich die „Waffe der Bildung“ in einem subtileren, aber stetigen Ringen um Einfluss. Bspw. ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine der wichtigsten Institutionen der informellen Erwachsenenbildung. Er hat den gesetzlichen Auftrag, objektiv zu informieren und zur Meinungsbildung beizutragen. Genau deshalb ist seine Unabhängigkeit ein permanenter politischer Aushandlungsprozess. Das Problem der Versuche der Einflussnahme darauf zeigt sich zumindest in drei Bereichen:
- Strukturelle Einflussnahme: Die Besetzung von Gremien des ORF, allen voran des Stiftungsrats, erfolgt maßgeblich durch die Regierung und die politischen Parteien. Das schafft Einfallstore für parteipolitische Interessen, insbesondere bei der Bestellung von Führungspositionen.
- Politischer Druck: Führende Politikerinnen und Politiker üben regelmäßig öffentlichen Druck auf den ORF aus, wenn die Berichterstattung missfällt. Vorwürfe der Voreingenommenheit, Kritik an einzelnen Journalistinnen und Journalisten oder die Androhung von finanziellen Kürzungen schaffen ein Klima, das zu vorauseilendem Gehorsam oder Selbstzensur führen kann.
- „Message Control“ der Regierung: Professionelle PR-Strategien von Regierungsbüros zielen darauf ab, ein bestimmtes Narrativ in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Der ORF als reichweitenstärkstes Medium steht dabei im Zentrum des Interesses. Der Kampf um die Deutungshoheit über politische Themen ist somit auch ein Kampf um die Inhalte der Berichterstattung.
Dieses Beispiel zeigt, dass der Schutz der Unabhängigkeit von bildenden und informierenden öffentlichen Institutionen auch in einer gefestigten Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist ein ständiges Ringen. Die Gefahr dahinter ist nicht ideologische Kontrolle, sondern die schleichende Erosion der kritischen Distanz und die Vermischung von unabhängiger Information mit (partei-)politisch gefärbter Öffentlichkeitsarbeit.
Ganz abgesehen von den Fehl- und Falschinformationen sowie Indoktrinationen durch unterschiedlichste Interessengemeinschaften in den sozialen Medien. Die modernste Instrumentalisierung von Information sind die Social-Media-Strategien, die abgedichtete Echokammern für Interessierte von „alternativen Wahrheiten und Realitäten“ bauen und pflegen. Hier wird Erwachsenenbildung nicht durch Zwang, sondern durch die Schaffung einer freiwillig zu betretenden, alternativen Informationsrealität zur Waffe gegen den pluralistischen Diskurs gemacht.
Diese Form der „Bildung“ ist deshalb so gefährlich, weil sie sich für die Betroffenen wie ein Akt der Selbstermächtigung anfühlt („Ich habe selbst [in meiner Echokammer] recherchiert“). Sie ersetzt das demokratische Ideal von mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die verschiedene Quellen kritisch abwägen, durch überzeugte Anhängerinnen und Anhänger, die eine geschlossene Weltanschauung verteidigen.
Freiheit als Motor: Warum Autonomie beflügelt
Politische Unabhängigkeit ist nicht nur ein Schutzschild gegen Missbrauch, sondern auch der Nährboden für eine lebendige, innovative und relevante Wissenschaft der Erwachsenenbildung. Nur in einem Umfeld intellektueller Freiheit kann diese Disziplin auch ihr volles Potenzial entfalten.
- Die kritische Debatte über die Ziele von Weiterbildung: Was bedeutet „lebenslanges Lernen“ wirklich? Ist es ein humanistisches Ideal der Persönlichkeitsentwicklung oder ein neoliberaler Imperativ zur ständigen Selbstoptimierung für den Markt? Solche fundamentalen Fragen erfordern einen freien und offenen Diskurs, der nicht von den Interessen der Auftraggebenden aus Politik und Wirtschaft dominiert wird. Eine unabhängige Wissenschaft kann, wenn man sie lässt, in jedem Fall langfristige Perspektiven entwickeln, die über kurzfristige Nützlichkeitserwägungen hinausweisen.
- Die schonungslose Analyse der Weiterbildungslandschaft: Eine der wichtigsten Aufgaben der Erwachsenenbildung ist die empirische Untersuchung der Realität in den Bildungseinrichtungen und Angeboten für Erwachsene. Sie deckt auf, wer von Weiterbildungsangeboten tatsächlich profitiert und wer systematisch ausgeschlossen bleibt. Sie ist auch in der Lage, die Wirksamkeit von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen kritisch zu evaluieren und auf diese Weise als Korrektiv für die Politik zu dienen, auch und gerade dann, wenn die Ergebnisse unbequem sind.
- Die Vielfalt theoretischer Ansätze: Eine freie Erwachsenenbildung ist ein pluralistisches Feld. Hier stehen kritische, biografieorientierte, kompetenzbasierte und subjektwissenschaftliche Ansätze nebeneinander. Diese Vielfalt ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern von Stärke. Sie ermöglicht es, die komplexen Wirkfaktoren rund um Lernprozesse Erwachsener aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verstehen. Politische und ökonomische Vereinnahmung hingegen führt unweigerlich zu einer theoretischen Monokultur, die nur noch das erforscht, was den Zielen der Geldgebenden dient.
Das Immunsystem der Demokratie
Letztlich ist die politische Unabhängigkeit der Erwachsenenbildung ein unverzichtbarer Baustein für eine robuste und vor allem lebendige Demokratie. Gerade die politische und staatsbürgerliche Bildung für Erwachsene ist das Fundament einer aktiven Zivilgesellschaft. Einrichtungen und Angebote der Erwachsenenbildung, die in Österreich eine besonders reiche demokratische Tradition haben, sind essenzielle Räume für kontroverse Debatten und die Befähigung der Bürgerinnen und Bürger zur gesellschaftlichen Partizipation.
Wie soll eine Erwachsenenbildung glaubwürdig zur Kritikfähigkeit erziehen, wenn sie selbst nicht kritikfähig ist bzw. sein kann oder darf? Wie soll sie zur Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Macht und Ideologie anleiten, wenn sie selbst den Mächtigen unterworfen ist? Eine unfreie Erwachsenenbildung würde im permanenten Widerspruch zu ihren eigenen Zielen stehen und sich selbst in Frage stellen.
Die politische Unabhängigkeit der Erwachsenenbildung ist daher weder Luxus noch Beiwerk, sondern eine Notwendigkeit. Sie ist das Immunsystem von offenen Gesellschaften, das verhindert, dass dogmatische und autoritäre Denkmuster unter jungen Erwachsenen und Erwachsenen verteilt und verfestigt werden. Die Sicherung dieser Autonomie ist eine permanente Aufgabe für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und die Zivilgesellschaft. Denn in der Freiheit des lebenslangen Lernens entscheidet sich nichts Geringeres als die Zukunftsfähigkeit der Demokratie selbst.
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