
Selbstgebastelt oder professionell
Eine Abgrenzung
Autor: Manfred Hofferer & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2025
In Zeiten großer Umbrüche und stetiger Veränderungen und Neuentwicklungen suchen Menschen vermehrt nach Orientierung, Struktur und einer qualifizierten pädagogischen Begleitung auf ihrem Bildungsweg. Der Begriff des „Bildungsexperten“ bzw. der „Bildungsexpertin“ ist in der Werbung allgegenwärtig.
Ob in der Ausschreibung von Seminaren, Trainings oder Workshops, der Unternehmensberatung, im Coaching, in der Projektentwicklung oder in öffentlichen Debatten in den sozialen Medien. Fakt ist, die Nachfrage nach fundiertem Rat und professioneller Hilfe ist enorm. Gleichzeitig wird der Bildungsmarkt durch die Vielzahl der Angebote unübersichtlicher. Neben hochqualifizierten echten Fachleuten finden sich auch immer häufiger Akteure und Akteurinnen, deren Angebote primär auf einem persönlich entwickelten, selbstgestrickten Weltbild beruhen denn auf wissenschaftlicher Fundierung und fachlicher Expertise.
Diese Entwicklung wirft eine zentrale Frage auf: Was konstituiert tatsächlich professionelle Expertise im Bildungsbereich? Woran lassen sich fundierte Ansätze von ideologisch geprägten oder rein transaktionalen Angeboten unterscheiden?
Eine klare Definition der Kernmerkmale ist unerlässlich, nicht nur zur Qualitätssicherung, sondern auch zum Schutz derjenigen, die Bildungsangebote in Anspruch nehmen. Hier die vier entscheidenden Säulen, die das Fundament professioneller Bildungsexpertise bilden und eine professionelle Praxis von laienhaften und/oder dogmatischen Ansätzen abheben.
Säule 1: Das fachliche Fundament und die theoretische Verankerung
Jede professionelle Handlung im Bildungsbereich muss auf einem soliden theoretischen Fundament stehen. Ein solches Fundament ist kein starres Dogma, sondern ein dynamischer Korpus aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, der es ermöglicht, Lernprozesse zu verstehen, zu analysieren und in der Folge bewusst zu gestalten. Ohne dieses Wissen bleibt pädagogisches Handeln willkürlich und ist von persönlichen Vorlieben oder unreflektierten Annahmen geprägt. Zu den unverzichtbaren theoretischen Kernbereichen gehören:
-
Lerntheorien: Das Wissen darüber, wie Lernen funktioniert, ist die Basis jeder Bildungsintervention. Ob konstruktivistische Ansätze, welche bspw. die aktive Rolle der Lernenden
betonen, kognitivistische Modelle, die Informationsverarbeitungsprozesse in den Fokus rücken, oder neurowissenschaftliche Erkenntnisse über die Plastizität des Gehirns: Expertinnen und
Experten können auf dieses Repertoire zurückgreifen, um passende Lernumgebungen und -räume zu schaffen.
-
Didaktik und Methodik: Die Didaktik als Wissenschaft vom Lehren und Lernen liefert die Werkzeuge zur systematischen Planung, Durchführung und Evaluation von Bildungsprozessen. In
diesem Bereich geht es um weit mehr als die bloße Vermittlung von Inhalten. Ressourcen- und Kompetenzorientierung, problembasiertes Lernen oder die Gestaltung kollaborativer Settings sind
Beispiele für didaktische Konzepte, die darauf abzielen, tiefgreifendes Verständnis und anwendbare Fertigkeiten und Kompetenzen zu fördern, anstatt nur Wissen über angebliche Fakten
anzuhäufen.
- Pädagogische Psychologie und Soziologie: Um Lernende wirksam und nachhaltig unterstützen zu können, ist in jedem Fall ein fundiertes Verständnis für psychologische Faktoren wie Motive, Motivation, Emotion und kognitive Entwicklung unerlässlich. Ebenso wichtig ist der soziologische Blick: Bildungsbiografien sind immer in gesellschaftliche Kontexte eingebettet. Fragen der Chancengerechtigkeit, der Einfluss soziokultureller Hintergründe und die Dynamiken in Lerngruppen sind zentrale Aspekte, die professionelles Handeln berücksichtigen muss.
Säule 2: Die Brücke zur Realität mit reflektierter Praxiserfahrung
Theoretisches und vor allem selbstgebasteltes Wissen allein bleibt steril, wenn es nicht in der Praxis Anwendung findet und durch diese überprüft wird. Gleichzeitig ist bloßer Aktivismus und Eklektizismus ohne nachvollziehbare theoretische Unterfütterung nicht mehr als ein Versuch-und-Irrtum-Verfahren. Wahre Expertise entsteht in der systematischen Verknüpfung von evaluierter Theorie mit konkreter Praxis. Der entscheidende Prozess dabei ist die Reflexion.
Reflektierte Praxis bedeutet, das eigene Handeln kontinuierlich und kritisch zu hinterfragen: Warum wurde eine bestimmte Methode gewählt? Welche Wirkung hatte die Intervention auf die Lernenden? Welche unerwarteten Dynamiken wurden ausgelöst und traten auf? Was bedeuten diese Beobachtungen für zukünftige Planungen? Dieser Zyklus aus Planen, Handeln, Beobachten und Reflektieren ist der Motor für die Weiterentwicklung professioneller Kompetenz.
Erfahrung in der pädagogischen Vermittlungspraxis ist somit mehr als das bloße Ansammeln von Arbeits- bzw. Dienstjahren. Sie wird zu einer Ressource an Fallwissen, das es Expertinnen und Experten ermöglicht, kontextsensitiv zu agieren. Sie wissen, dass es keine Universallösungen gibt und dass Methoden und Konzepte stets an die spezifische Zielgruppe, die Ausgangslagen und die Rahmenbedingungen sowie die konkreten Lernziele angepasst werden müssen.
Säule 3: Wissenschaftlich offene Haltung statt starrem Weltbild
In diesem Bereich liegt der vielleicht markanteste Unterschied zwischen professioneller Expertise und ideologischen Ansätzen. Ein persönlich „gezimmertes Weltbild“ ist per Definition ein geschlossenes System. Es dient mehr der Selbstbestätigung als der offenen Suche nach der besten Lösung für ein pädagogisches Problem. Derartige Weltbilder haben die Tendenz, komplexe Realitäten radikal zu vereinfachen und/oder zu verbiegen und hauptsächlich nach Bestätigung für die eigene Sichtweise zu suchen.
Eine wissenschaftliche Haltung ist das exakte Gegenteil. Sie zeichnet sich durch zumindest folgende Merkmale aus:
-
Evidenzbasierung: Entscheidungen und Empfehlungen werden auf der Grundlage empirischer Belege und anerkannter Forschungsergebnisse getroffen und nicht allein aufgrund von Anekdoten,
Intuition oder persönlicher Überzeugung.
-
Intellektuelle Bescheidenheit: Echte Expertinnen und Experten sind sich der Grenzen des eigenen Wissens und Könnens bewusst. Sie betrachten neue Erkenntnisse als Chance zur
Weiterentwicklung und nicht als Bedrohung der eigenen Autorität.
-
Kritisches Denken: Das richtet sich nicht nur an die Analyse externer Informationen, sondern vor allem auch an die eigenen Annahmen, die Wege und die verwendeten Methoden. Die
Bereitschaft, die eigene Position zu falsifizieren, ist ein wichtiges Kennzeichen wissenschaftlicher Redlichkeit.
- Fokus auf Komplexität: Statt einfache Ursache-Wirkungs-Ketten anzubieten, erkennen Expertinnen und Experten die Vielschichtigkeit und Bedingtheit von Bildungsprozessen an und kommunizieren diese auch entsprechend offen an die Lernenden.
Das Ziel einer Haltung, die von diesen drei Säulen getragen wird, ist es, Lernende zur Entwicklung ihres eigenen kritischen Denkens zu befähigen, anstatt sie von einer vorformulierten Meinung, einem Konzept oder Lebensphilosophien zu überzeugen. Es geht um die Vermittlung von Werkzeugen zur Analyse der Welt und nicht um die Übergabe eines fertigen Weltbildes.
Das verbindende Fundament: Ethische Verantwortung und pädagogische Beziehung
Bildung ist (und war das auch nie) keinesfalls eine rein technische oder neutrale Dienstleistung. Sie greift tief in die Entwicklung von Individuen, Teams und Organisationen ein. Aus dieser Tatsache erwächst eine besondere ethische Verantwortung, die den drei Säulen als Fundament zugrunde gelegt werden und die das professionelle Handeln tragen muss. Ein Ansatz, der Lernende als „Kundinnen und Kunden“ betrachtet, die es zu „fangen“ gilt, verfehlt diesen Kern.
Eine solche kommerzielle Logik trägt die Gefahr in sich, dass der Erfolg einer Maßnahme primär an Verkaufszahlen und Kundinnen- und Kundenzufriedenheit gemessen wird, nicht aber an der nachhaltigen Kenntnis-, Fertigkeits- und Kompetenzentwicklung sowie dem Wohl der Lernenden. Professionelle Bildungsexpertise dagegen setzt auf den Aufbau einer pädagogischen Beziehung. Diese ist gekennzeichnet durch:
-
Respekt und Vertrauen: die Anerkennung der Autonomie, der Biografie und der Potenziale jedes und jeder einzelnen Lernenden.
-
Integrität: Transparenz über Ziele, Methoden und auch über die Grenzen der eigenen Kompetenz.
- Verantwortung: Das primäre Ziel ist die Ermächtigung der Lernenden. Expertinnen und Experten stellen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Vermittlungskompetenz in den Dienst der Entwicklung der Lernenden, damit diese ihre Ziele selbstständig erreichen können.
Diese ethische Grundhaltung stellt sicher, dass Bildungsangebote nicht zu manipulativen Instrumenten verkommen, sondern einen echten Beitrag zur persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung leisten.
Fazit: Expertise als kontinuierlicher Prozess
Professionelle Bildungsexpertise ist also kein statischer Titel, den man einmal erwirbt, und auch kein fest gefügtes Weltbild, das man verkündet. Sie ist ein dynamischer und anspruchsvoller Prozess, der auf den drei beschriebenen Säulen (einem soliden theoretischen Fundament, einer wissenschaftlichen Grundhaltung und reflektierter Praxiserfahrung) und einem tragenden Fundament ruht: tiefe ethische Verantwortung.
Akteurinnen und Akteure im Bildungsbereich, die diesen Anspruch verfolgen, unterscheiden sich grundlegend von jenen, die lediglich ihre selbstgezimmerte persönliche Meinung vermarkten. Sie bieten keine einfachen Antworten, sondern fördern den Mut und die Kompetenz, komplexe Fragen zu stellen. Sie verkaufen keine fertigen Weltbilder, sondern schaffen Räume für Entfaltung und Entwicklung. In einer Zeit wie aktuell ist diese Form der fundierten, reflektierten und verantwortungsvollen Expertise wertvoller denn je.
Und zum Abschluss: Antrieb ist wertvoll! Aber um wirklich erfolgreich und vor allem verantwortungsvoll im Bildungsbereich zu agieren, schlagen wir vor, selbst basteln hinten anzustellen und auf den professionellen Weg zu setzen.
Wenn Interesse und Bedarf bestehen, unterstützen wir dich gerne. Reden wir darüber! Unsere Angebote zu diesem Themenbereich:
- Lehrlingsbildung
- Train the Trainer:in
- Soft Skill Trainer:in
- Outdoorpädagogik
- Bildungsbike-Trainer:in
- Ausbildung Bildungsbiken
HINWEIS: Bei der Finalisierung des Beitrags haben die Autoren und Autorinnen ChatGPT 5, Gemini 2.5 Pro und Microsoft Word mit Copilot verwendet, um die sprachliche Formulierung zu prüfen und zu verbessern. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei den Autor: innen.