Lehr- und Lernraum Natur

Draußen nutzen

Entwicklungsräume bauen

Die Natur als Arbeitsraum in Hochschule und Fachhochschule. Outdoorpädagogische Grundlagen und empirische Befunde für eine gesundheits- und kompetenzorientierte Hochschullehre.

 

Kurzfassung

Die Nutzung von Natur als Arbeitsraum stellt in der Hochschullehre ein bislang wenig systematisch genutztes Potenzial dar. Der Beitrag verbindet die outdoorpädagogische Konzeption der Natur als Lern-, Entfaltungs- und Entwicklungsraum mit aktuellen empirischen Befunden aus der Hochschulforschung. Auf Basis der theoretischen Grundlagen nach Hofferer und Fanninger sowie empirischer Ergebnisse zur Bedeutung von Naturerfahrungen im Studium werden konkrete Anwendungsbeispiele für unterschiedliche Studienrichtungen vorgestellt. Abschließend werden didaktische Anforderungen, Entwicklungsperspektiven und ein Arbeitsauftrag für Lehrende formuliert.

 

1. Einleitung

Hochschulen und Fachhochschulen stehen vor der Aufgabe, Lernprozesse wirksam, kompetenzorientiert und gesundheitsförderlich zu gestalten. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien eine Zunahme psychischer Belastungen bei Studierenden, insbesondere zu Beginn des Studiums. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Lernräume Hochschullehre nutzt und welche Potenziale bislang unzureichend ausgeschöpft werden.

 

Die Nutzung von Natur als Arbeitsraum stellt einen solchen Ansatz dar. Studierende bewerten Naturerfahrungen im Studium als bedeutsam, berichten jedoch über eine geringe curriculare Verankerung entsprechender Angebote (Mir et al., 2024). Die Outdoorpädagogik liefert hierfür ein seit Langem etabliertes konzeptionelles Fundament, das für den Hochschulkontext bislang nur punktuell aufgegriffen wurde (Hofferer & Fanninger, 2011).

 

2. Natur als Arbeitsraum, outdoorpädagogische Fundierung

Die theoretische Grundlage dieses Beitrags bildet die outdoorpädagogische Konzeption der Natur als Arbeitsraum nach Hofferer und Fanninger (2011). Natur wird dabei nicht als romantisierter Gegenraum zur Bildungsinstitution verstanden, sondern als der dem Menschen ursprünglichste Lern, Erfahrungs- und Entwicklungsraum. Sie fungiert als Rahmen, in dem Lernprozesse möglich werden, die in klassischen Seminar und Hörsälen nur eingeschränkt realisierbar sind.

 

Zentrale Merkmale der Natur als Arbeitsraum sind Ganzheitlichkeit, Mittelbarkeit, Variabilität, Gestaltungsoffenheit und der bewusste Kontrast zur technisch regulierten Alltagswelt. Lernen in der Natur spricht Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln gleichzeitig an. Ergebnisse stellen sich nicht unmittelbar ein, sondern müssen über Zwischenschritte, Kooperation und Ausdauer erarbeitet werden. Diese Mittelbarkeit eröffnet Lerngelegenheiten für nachhaltige Kompetenzentwicklung.

 

Natur ist damit nicht Selbstzweck und nicht primär Lerngegenstand, sondern funktionaler Arbeitsraum für pädagogisch begründete Zielsetzungen.

 

3. Empirische Befunde zur Relevanz im Hochschulkontext

Die empirische Untersuchung von Mir et al. (2024) zeigt, dass Studierende Natur vor allem mit Erholung, Ausgleich und Wohlbefinden verbinden. Gleichzeitig wird Natur als potenziell wirksamer Lernraum eingeschätzt, insbesondere im Hinblick auf persönliche Entwicklung, soziale Prozesse und Motivation. Trotz dieser positiven Bewertung findet Natur bislang kaum systematisch Eingang in curriculare Lehrformate.

 

Besonders relevant ist dieser Befund im Kontext der Studieneingangsphase. Das Interventionskonzept „Gesunder Start ins Studium“ zeigt, dass gesundheitsfördernde, erfahrungsorientierte und kooperative Formate positive Effekte auf Wohlbefinden, soziale Integration und Selbstwirksamkeit entfalten können (Gebhard et al., 2015). Naturbasierte Arbeitsräume bieten dafür geeignete Rahmenbedingungen, ohne therapeutisch ausgerichtet zu sein.

 

4. Praktische Beispiele aus unterschiedlichen Studienrichtungen

Die Integration von Natur als Arbeitsraum ist in unterschiedlichen Fachkulturen möglich, sofern sie didaktisch begründet erfolgt. Die folgenden Beispiele illustrieren mögliche Umsetzungen.

 

4.1 Gesundheit und Soziales

In gesundheitswissenschaftlichen Modulen analysieren Studierende die Wirkung naturbasierter Bewegungseinheiten auf Stress und Wohlbefinden. Erhoben werden subjektive Belastung, einfache physiologische Parameter sowie strukturierte Reflexionen. Ziel ist die Verbindung von Theorie, Selbsterfahrung und wissenschaftlicher Auswertung.

 

4.2 Technik und Umwelt

Studierende technischer Studiengänge nutzen Natur als realen Arbeitsraum für Messungen, Datenerhebung und Fehleranalyse. Lernziel ist die Anwendung technischer Methoden unter nicht kontrollierten Bedingungen sowie die Reflexion von Unsicherheiten, Systemgrenzen und Kontextfaktoren.

 

4.3 Wirtschaft und Management

In wirtschaftswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen dient Natur als Kontrast und Erfahrungsraum. Studierende bearbeiten Aufgaben zur Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle unter Ressourcenbegrenzung. Entscheidungsfindung, Kooperation und Verantwortung werden explizit thematisiert.

 

In allen Beispielen ist Natur nicht Thema, sondern Arbeitsraum.

 

5. Didaktische und organisatorische Anforderungen

Die Nutzung von Natur als Arbeitsraum erfordert klare Lernziele, strukturierte Aufgabenstellungen und eine systematische Nachbereitung. Ohne didaktische Rahmung bleibt Natur Kulisse. Lehrende nehmen eine zentrale Vermittlerrolle ein, da ihr persönlicher Zugang zur Natur die Wahrnehmung der Studierenden wesentlich beeinflusst (Hofferer & Fanninger, 2011).

 

Organisatorisch sind rechtliche Rahmenbedingungen, Sicherheitsaspekte und zeitliche Ressourcen zu berücksichtigen. Naturbasierte Lehre ist kein Ersatz für bestehende Formate, sondern eine gezielte Ergänzung, die curricular abgesichert werden muss.

 

6. Zusammenfassung

Natur als Arbeitsraum bietet substanzielle Potenziale für kompetenzorientierte und gesundheitsfördernde Hochschullehre. Die outdoorpädagogische Theorie liefert ein tragfähiges konzeptionelles Fundament, empirische Befunde bestätigen die Relevanz aus Sicht der Studierenden. Interdisziplinäre Beispiele zeigen, dass eine fachlich fundierte Integration in unterschiedliche Studienrichtungen möglich ist.

 

7. Ausblick

Zukünftige Hochschulentwicklung sollte Natur als Arbeitsraum strategisch berücksichtigen. Erforderlich sind empirische Wirkungsstudien, curriculare Verankerung und Qualifizierungsangebote für Lehrende. Angesichts zunehmender psychischer Belastungen von Studierenden ist die Verbindung von Lernen, Gesundheit und Erfahrungsorientierung kein optionales Zusatzangebot mehr.

 

8. Arbeitsauftrag für Lehrende

Identifizieren Sie ein von Ihnen verantwortetes Modul.

  1. Formulieren Sie ein Lernziel, das durch ein naturbasiertes Setting besser erreichbar ist als im Seminarraum.
  2. Skizzieren Sie eine Lernaktivität inklusive Vorbereitung, Durchführung und Reflexion.
  3. Benennen Sie mögliche Barrieren in Organisation oder Didaktik und entwickeln Sie Lösungsansätze.

Literatur

  • Gebhard, D., Mir, E., & Mitterbacher, A. (2015). Gesunder Start ins Studium. Konzeption einer gesundheitsfördernden Intervention für erstsemestrig Studierende. Prävention und Gesundheitsförderung, 10(2), 118 bis 124. https://doi.org/10.1007/s11553-014-0481-y
  • Hofferer, M., & Fanninger, R. (2011). Praxishandbuch Outdoorpädagogik. Ein Lehr und Arbeitsbuch für outdoorpädagogisches Denken, Planen und Handeln. Verlag Outdoorpädagogik. https://shorturl.at/fR0BI
  • Mir, E., Limarutti, A., & Hofferer, M. (2024). Lernen in, mit und für die Natur. Implikationen für den Hochschulkontext. die hochschullehre, 10, Artikel 40. https://doi.org/10.3278/HSL2440W

Schlüsselwörter: naturbasierte Hochschullehre, Outdoorpädagogik, Lernräume, Gesundheitsförderung, Kompetenzentwicklung

 

Autor: Manfred Hofferer | Institution: Bildungspartner Österreich / Outdoorpädagogik Austria | Erstellungsdatum: 23. Januar 2026 | Lizenz:

CC Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 | Copyright: © 2026 Manfred Hofferer | Lizenz-Hinweis: Dieser Beitrag darf unter Nennung des Autors frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenz-Text: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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