Ich bin überzeugt!
Grundlagen nachhaltiger pädagogischer Entwicklung
Autor: Manfred Hofferer, Renate Fanninger & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2026
Überzeugungen sind mehr als nur Meinungen. In der Psychologie gelten sie als stabile Annahmen, die eine Person mit subjektiver Gewissheit vertritt und die das eigene Handeln strukturieren. In der Jugend- und Erwachsenenbildung prägen sie Entscheidungen im Seminarraum, im Coaching oder in der Personalentwicklung. Wichtig zu verstehe n ist, dass Motivation zwar Impulse setzt, aber Überzeugung bestimmt, ob eine Person in schwierigen Phasen handlungskompetent bleibt.
Definition und Komponenten von Überzeugungen
Begrifflich lassen sich drei Komponenten unterscheiden. Die (1) kognitive Komponente umfasst Annahmen, Bewertungen und Schlussfolgerungen, etwa die Einschätzung, dass eine bestimmte Feedbackmethode wirksam ist. Die (2) affektive Komponente beschreibt die emotionale Haltung gegenüber diesem Inhalt. Die (3) verhaltensbezogene Komponente zeigt sich in der Bereitschaft, entsprechend zu handeln. Dieses dreiteilige Verständnis lehnt sich an klassische Einstellungsmodelle an, wie sie in der Sozialpsychologie bei Martin Fishbein und Icek Ajzen formuliert wurden.
Überzeugungen unterscheiden sich von allgemeinen Einstellungen vor allem durch ihre höhere subjektive Gewissheit und ihre stärkere Resistenz gegenüber widersprechenden Informationen.
Die Bedeutung von Mindsets in der pädagogischen Praxis
Für die Jugend- und Erwachsenenbildung ist das keine theoretische Feinheit. Wer als Lehrkraft davon überzeugt ist, dass Leistung im Wesentlichen Ausdruck stabiler Begabung ist, gestaltet Lernsettings anders als eine Person, die Entwicklung als veränderbar betrachtet. Die Forschung von Carol Dweck zur sogenannten Fixed- und Growth-Perspektive zeigt, dass solche Annahmen Erwartungseffekte, Feedbackstil und Aufgabenwahl beeinflussen. Dabei geht es weniger um Schlagworte als um implizite Grundannahmen, die im Alltag kaum hinterfragt werden.
Selbstwirksamkeit und Attributionsmuster bei Lernenden
Auch auf Seiten der Lernenden spielen selbstbezogene Überzeugungen eine zentrale Rolle. Die Selbstwirksamkeit nach Albert Bandura beschreibt die Überzeugung, durch eigenes Handeln Ergebnisse beeinflussen zu können. Sie steht in engem Zusammenhang mit Persistenz, Anstrengungsbereitschaft und dem Umgang mit Rückschlägen. Attributionsmuster, wie sie von Bernard Weiner untersucht wurden, erklären zudem, wie Erfolge und Misserfolge gedeutet werden.
Wird bspw. ein Scheitern auf mangelnde Anstrengung zurückgeführt, bleiben Handlungsoptionen offen. Wird es als Ausdruck fehlender Kompetenz interpretiert, sinkt die Bereitschaft, neue Aufgaben anzunehmen.
Theoretische Ansätze zur Entstehung und Stabilität
Wie entstehen stabile Überzeugungen? Ein zentraler Erklärungsansatz ist das Elaboration Likelihood Model von Richard E. Petty und John Cacioppo. Demnach entwickeln sich dauerhafte Überzeugungen vor allem dann, wenn Informationen über die sogenannte zentrale Route verarbeitet werden. Das bedeutet, dass Argumente geprüft, Belege abgewogen und eigene Schlüsse gezogen werden. Im Unterschied dazu führt eine oberflächliche Verarbeitung über Reize wie Autorität oder Attraktivität dagegen eher zu instabilen Einstellungen. Für Fortbildungsformate folgt daraus, dass reine Inputphasen selten ausreichen, um handlungsleitende Überzeugungen zu verändern.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Theorie der kognitiven Dissonanz von Leon Festinger. Menschen streben nach Konsistenz zwischen Überzeugungen und Verhalten. D.h., treten Widersprüche auf, entsteht psychische Spannung. Diese Spannung wird reduziert, indem entweder das Verhalten angepasst oder die Überzeugung umgedeutet wird. In der Praxis zeigt sich das etwa, wenn eine Fachkraft sich als partizipativ versteht, im Seminar jedoch stark kontrollierend agiert. Eine strukturierte Videoanalyse der eigenen Lehrtätigkeit macht diese Diskrepanz sichtbar. Eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis kann in relativ kurzer Zeit zu einer nachhaltigen Neubewertung führen.
Neuropsychologisch sind Überzeugungen mit Bewertungs- und Integrationsprozessen im präfrontalen Cortex verbunden. Studien zeigen, dass identitätsnahe Inhalte stärkere Aktivierungsmuster aufweisen als neutrale Sachverhalte. Das erklärt, weshalb Überzeugungen mit moralischem oder professionellem Selbstbezug besonders stabil sind. Eine reine Informationskorrektur greift hier in jedem Fall zu kurz.
Methodische Herausforderungen der Messung
Die Messung von Überzeugungen bleibt methodisch anspruchsvoll. Selbstberichte mittels Fragebögen erfassen bewusste Einschätzungen, sind jedoch anfällig für soziale Erwünschtheit. Gerade in normativ sensiblen Bereichen wie Inklusion oder Leistungsbewertung berichten Fachkräfte teilweise Überzeugungen, die nicht mit dem beobachtbaren Handeln übereinstimmen. Daher wird in der Bildungsforschung mit Triangulation gearbeitet, also mit der Kombination aus Selbstbericht, Beobachtung und Verhaltensindikatoren. Implizite Verfahren liefern zusätzlich ergänzende Daten, aber insgesamt die Aussagekraft jedoch begrenzt und kontextabhängig.
Wege zur Veränderung von Überzeugungen
Veränderungen von Überzeugungen erfolgen indirekt. Erfahrung spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn eine Lehrperson in einem begleiteten Setting erlebt, dass differenzierende Maßnahmen zu besseren Lernergebnissen führen, steigt die subjektive Gewissheit über deren Wirksamkeit. Solche Mastery Experiences, wie Bandura sie beschreibt, haben eine stärkere Wirkung als theoretische Argumente. Zudem beeinflussen kollegiale Austauschformate Überzeugungen, da soziale Normen und professionelle Gemeinschaften Orientierungsrahmen bieten. Metareflexion ergänzt diesen Prozess. Überzeugungen werden explizit thematisiert und in Beziehung zu Forschungsergebnissen und eigener Praxis gesetzt.
Im Bereich beruflicher Soft Skills zeigt sich ein vergleichbares Muster. Überzeugungen über Konfliktkompetenz, Verantwortungsübernahme oder Feedbackkultur steuern das tatsächliche Verhalten stärker als situative Motivation. Wer davon überzeugt ist, Kritik konstruktiv formulieren zu können, wird entsprechende Gespräche führen. Wer Kritik mit persönlicher Bedrohung verbindet, vermeidet sie. Das bedeutet auch, dass Schulungen und Trainings, die neben methodischem Wissen auch die zugrunde liegenden Annahmen thematisieren, nachhaltigere Effekte erzielen.
Überzeugungen sind damit weder beliebig noch unveränderlich. Sie sind eingebettet in Erfahrung, soziale Kontexte und professionelle Identität. Pädagogische Professionalität umfasst die Kompetenz, eigene Überzeugungen zu prüfen, mit empirischen Befunden abzugleichen und bei Bedarf zu revidieren. Dieser Prozess erfordert Zeit, wiederholte Erfahrung und vor allem eine reflektierende Lernkultur.
Ausblick
Die Diskussion um Überzeugungen wird in der Jugend- und Erwachsenenbildung weiter an Bedeutung gewinnen, da Lernprozesse zunehmend selbstorganisiert gestaltet werden. Digitale Informationsumgebungen stellen neue Anforderungen an epistemische Annahmen über Wissen und Wahrheit. Professionelle Identitätsforschung muss die Wechselwirkung zwischen Selbstbild und Überzeugung differenzierter analysieren und Interventionskonzepte müssen verstärkt auf erfahrungsbasierte Lernarrangements und kollegiale Reflexion setzen. Auch neue neuropsychologische Befunde können Impulse liefern, bleiben jedoch in der Sache ergänzende Perspektiven. Train the Trainer*innen Programme stehen vor der Aufgabe, Überzeugungen systematisch zum Gegenstand professioneller Analyse zu machen, ohne sie normativ festzuschreiben.
Leseempfehlungen
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.
- Beck, A. T. (1976). Cognitive therapy and the emotional disorders. International Universities Press.
- Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. Random House.
- Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.
- Fishbein, M., & Ajzen, I. (1975). Belief, attitude, intention, and behavior: An introduction to theory and research. Addison-Wesley.
- Petty, R. E., & Cacioppo, J. T. (1986). Communication and persuasion: Central and peripheral routes to attitude change. Springer-Verlag. (Hinweis: Springer-Verlag ist die historisch präzisere Angabe für 1986).
- Schommer-Aikins, M. (2004). Explaining the epistemological belief system: Introducing the embedded systemic model and coordinated research approach. Educational Psychologist, 39(1), 19–29. https://doi.org/10.1207/s15326985ep3901_3
- Weiner, B. (1986). An attributional theory of motivation and emotion. Springer-Verlag.
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Veröffentlichungs- und Lizenzhinweis: Autor: Manfred Hofferer & Renate Fanninger | Institution: Bildungspartner Österreich | Erstellungsdatum: Februar 2026 | Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) | © 2026 Manfred Hofferer & Renate Fanninger, Bildungspartner Österreich. Dieser Beitrag darf unter Nennung des Autors frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
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