Lernen muss Spaß machen?
Wie aus Bildungsgeschichte pädagogische Werbesprache wurde
Autor: Manfred Hofferer & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2026
„Lernen muss Spaß machen.“ Dieser Satz klingt human, modern und unangreifbar. Wer widerspricht, steht sofort im Verdacht, heimlich den Rohrstock zu vermissen. Genau darin liegt seine rhetorische Frechheit: Er tarnt eine schlechte These als Menschenfreundlichkeit.
Für die Erwachsenenbildung ist der Satz besonders ärgerlich. Erwachsene kommen nicht in Weiterbildung, weil sie pädagogisch bespaßt werden möchten. Sie kommen, weil sie etwas bewältigen müssen: eine neue berufliche Rolle, digitale Anforderungen, Arbeitslosigkeit, Migration, Krankheit, politische Orientierungslosigkeit, Führungsverantwortung, fachliche Lücken, biografische Brüche. Erwachsene lernen selten aus pädagogischer Laune. Sie lernen, weil die Welt ihnen eine Rechnung stellt.
Hier beginnt das Problem mit der beliebten Spaßformel. Sie lebt von historischen Autoritäten, die gern zitiert, aber selten ernsthaft gelesen werden. Platon, Quintilian, Comenius, Rousseau, Pestalozzi, Montessori, Dewey, später Knowles, Mezirow, Deci und Ryan: Sie alle erscheinen in pädagogischen Texten regelmäßig wie Heiligenbildchen. Allzu häufig nur als Schlagworthülsen. Aus komplexen Theoriegebäuden werden hübsche Parolen für Fortbildungsflyer.
- Platon? „Lernen soll spielerisch sein.“ Fertig.
- Quintilian? „Kinder sollen Spaß haben.“ Fertig.
- Comenius? „Mit allen Sinnen lernen.“ Fertig.
- Rousseau? „Natürliche Neugier.“ Fertig.
- Pestalozzi? „Kopf, Herz und Hand.“ Fertig.
- Montessori? „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Fertig.
- Dewey? „Learning by doing.“ Fertig.
- Knowles? „Erwachsene lernen selbstgesteuert.“ Fertig.
- Mezirow? „Transformation.“ Fertig.
Der pädagogische Zitatensalat funktioniert nach einem simplen Rezept: große Namen nehmen, historischen Kontext entfernen, Zumutungen der Theorie ignorieren und behalten, was auf ein Flipchart passt.
Die Geschichte der Pädagogik wird nicht geprüft, sondern geplündert. Sie dient als Steinbruch für Legitimationsvokabular. Wer „Comenius“ sagt, muss nicht mehr erklären, warum die eigene Methode wirkt. Wer „Dewey“ sagt, adelt jede Gruppenarbeit. Wer „Montessori“ sagt, lässt Beliebigkeit nach Freiheit aussehen. Wer „Rousseau“ sagt, verkauft spontane Neigung als Bildung.
Dabei sagten diese historischen Ansätze gerade nicht: Lernen muss Spaß machen. Sie sagten: Lernen darf nicht durch Gewalt, Angst, Sinnlosigkeit, schlechte Abstraktion und pädagogische Dummheit ruiniert werden. Das ist etwas völlig anderes.
Platon war kein Vorkämpfer des Edutainments. Er wollte keine Bildung als angenehme Freizeitbeschäftigung. Sein Gedanke, dass erzwungenes Lernen keinen Bestand hat, zielt auf innere Aneignung. Wer bloß gedrillt wird, besitzt kein Wissen, sondern Konditionierung. Für Erwachsenenbildung heißt das: Man kann Menschen in Compliance-Schulungen zwingen, in Change-Workshops setzen und mit Zertifikatspflichten antreiben. Daraus folgt noch keine Bildung. Es folgt nur Anwesenheit.
Quintilian wird gern als früher Freund des spielerischen Lernens zitiert. Das stimmt halb und wird gerade deshalb gefährlich. Seine Pointe war nicht, dass Unterricht unterhaltsam sein muss. Seine Pointe war, dass man Lernende nicht derart behandeln darf, dass sie Bildung hassen, bevor sie überhaupt verstehen, was Bildung ist. In der Erwachsenenbildung ist das hochaktuell. Viele Erwachsene bringen negative Lernerfahrungen mit. Wer sie dann mit infantilen Aktivierungsspielchen empfängt, bestätigt ihren Verdacht: Weiterbildung ist Schule, nur mit schlechterem Kaffee.
Erasmus kritisierte die Prügelpädagogik. Daraus wird heute gern eine allgemeine Nettigkeitslehre gemacht. Aber Erasmus war nicht der Schutzpatron konfliktfreier Seminarkultur. Er wusste, dass Angst und Erniedrigung Lernen beschädigen. Das heißt nicht, dass jede Irritation verschwinden muss. Eine Erwachsenenbildung, die niemandem zu nahetritt, tritt oft auch keiner Wahrheit zu nahe.
Comenius wird mit „Anschaulichkeit“ und „allen Sinnen“ etikettiert, als habe er die pädagogische Bastelstation erfunden. Tatsächlich ging es ihm um Ordnung, Systematik, Weltbezug und didaktische Vernunft. Anschaulichkeit war kein Selbstzweck. Sie musste Erkenntnis ermöglichen. Heute wird daraus methodischer Aktionismus: Hauptsache, es wurde geklebt, gelegt, sortiert, visualisiert. Ob danach jemand präziser denken kann, bleibt offen.
Rousseau ist vielleicht das prominenteste Opfer pädagogischer Verkürzung. „Natürliche Neugier“ klingt gut, besonders in Konzeptpapieren. Dabei wird gern vergessen, dass Rousseau keine Lizenz zur Bequemlichkeit ausgestellt hat. Erfahrung, Widerstand und Konsequenz stehen im Zentrum. Der lernende Mensch macht nicht einfach, worauf gerade Lust besteht. Er lernt an der Wirklichkeit. Wirklichkeit aber ist nicht nett. Sie widerspricht, begrenzt, korrigiert.
Pestalozzi hat es besonders schlimm getroffen. „Kopf, Herz und Hand“ ist zur pädagogischen Allzweckserviette geworden. Man kann damit fast alles abwischen: ein bisschen Gefühl, ein bisschen Praxis, ein bisschen Theorie, fertig ist die Ganzheitlichkeit. Aber Pestalozzis Formel ist anspruchsvoller. Sie meint, dass Bildung Denken, Affekt, Moral und praktisches Handeln miteinander verschränkt. In der Erwachsenenbildung heißt das: nicht nur Wissen vermitteln, nicht nur Betroffenheit erzeugen, nicht nur Kompetenzen trainieren, sondern die Person in ihrer Handlungsfähigkeit ernst nehmen. Das ist viel unbequemer als ein Gruppenplakat.
Montessori wird heute in eine sanfte Wohlfühlästhetik übersetzt. Holzmaterial, ruhige Farben, Selbstbestimmung. Vergessen wird: Montessori ist streng. Die vorbereitete Umgebung ist nicht beliebig. Freiheit ist bei ihr nicht „Macht mal“. Sie ist diszipliniert, geordnet und an der Sache orientiert. Für Erwachsene heißt das: Gute Lernräume sind nicht Räume, in denen alle irgendwie aktiv sind. Gute Lernräume ermöglichen Konzentration. Nicht jede Bewegung ist Lernen. Nicht jede Wahlmöglichkeit ist Selbststeuerung. Nicht jede angenehme Atmosphäre ist Bildung.
Dewey ist der Klassiker der Fehlzitation. „Learning by doing“ wird gern als Freibrief für Aktionismus missverstanden. Machen, ausprobieren, basteln, diskutieren, und Lernen fällt angeblich nebenbei ab. Nein. Dewey meinte reflektierte Erfahrung. Tun allein bildet nicht. Auch Herumreden bildet nicht. Auch Gruppenarbeit bildet nicht automatisch. Lernen entsteht, wenn Erfahrung ausgewertet, problematisiert und begrifflich geklärt wird. In vielen Erwachsenenbildungsformaten bleibt genau dieser Schritt aus. Man macht viel, reflektiert oberflächlich und nennt das dann handlungsorientiert.
In der modernen Erwachsenenbildung wiederholt sich das Spiel. Malcolm Knowles wird auf „Erwachsene lernen selbstgesteuert“ reduziert. Daraus entsteht die bequeme Behauptung, man müsse Erwachsenen nur Wahlmöglichkeiten geben. Aber Selbststeuerung ist kein Naturzustand. Sie setzt Zielklarheit, Lernstrategien, Selbstbeobachtung und Verantwortung voraus. Viele Erwachsene wollen nicht einfach „selbstgesteuert lernen“. Sie wollen wissen, was relevant ist, wie sie es bewältigen und warum sie ihre knappe Zeit dafür opfern.
Jack Mezirow wird mit „Transformation“ etikettiert, als sei jede Fortbildung, nach der jemand ein neues Mindset an die Pinnwand schreibt, schon transformativ. Tatsächlich ist transformative Bildung unbequem. Sie beginnt mit Irritation, mit dem Bruch alter Deutungsmuster. Das ist nicht automatisch angenehm. Wer Transformation verspricht und gleichzeitig jede Kränkung, jede Verunsicherung und jede echte Auseinandersetzung vermeidet, verkauft Schaumbildung.
Auch die Motivationspsychologie wird zuverlässig weichgekocht. Deci und Ryan sprechen von Autonomie, Kompetenzerleben und Eingebundenheit in Beziehungen. In der Praxis wird daraus gern: Die Teilnehmenden müssen sich wohlfühlen und mitentscheiden dürfen. Das ist zu wenig. Autonomie heißt nicht, dass alle machen, was sie gerade mögen. Kompetenzerleben heißt nicht, dass Aufgaben künstlich leicht werden. Eingebundenheit heißt nicht, dass Kritik ausfällt. Die Selbstbestimmungstheorie ist keine Einladung zur Anspruchssenkung, sondern eine Theorie gelingender motivationaler Bedingungen.
Bandura wird ähnlich vernutzt. Selbstwirksamkeit wird hier mit Ermutigung verwechselt. Aber Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch gutes Zureden allein. Sie entsteht durch bewältigte Anforderungen. Wer Erwachsenen ständig sagt „Du schaffst das“, aber keine ernsthaften Lerngelegenheiten schafft, produziert Motivationsrhetorik, keine Kompetenz.
Csíkszentmihályis Flow-Konzept hat ebenfalls unter pädagogischer Wellness gelitten. Flow klingt nach Leichtigkeit, fast nach Glücksversprechen. Tatsächlich entsteht Flow nicht bei Unterforderung, sondern in anspruchsvoller Passung von Können und Herausforderung. Flow ist kein Seminarspaß. Flow ist konzentrierte Beanspruchung. Wer daraus nur „Die Teilnehmenden sollen Freude haben“ macht, hat das Konzept entkernt.
Und schließlich die empirische Bildungsforschung: Bjorks „desirable difficulties“, Hatties sichtbares Lernen, kognitive Aktivierung, Feedback, Übung, Abruf, Transfer. Das alles klingt deutlich weniger gemütlich als „Lernen muss Spaß machen“. Deshalb wird es in der Praxis gern selektiv rezipiert. Man nimmt das Wort „aktivierend“ und vergisst die Kognition. Man nimmt „Feedback“ und meint Lob. Man nimmt „Kompetenzorientierung“ und meint reduzierte Inhalte. Man nimmt „Lernendenorientierung“ und meint Kundinnen und Kundenzufriedenheit.
Das ist die eigentliche intellektuelle Unredlichkeit der Spaßformel: Sie schmückt sich mit Geschichte und Forschung, ohne deren Zumutungen auszuhalten.
In der Erwachsenenbildung wird das besonders deutlich. Dort sind Teilnehmende keine pädagogischen Projektionsflächen, sondern Menschen mit Biografie, Status, Erfahrung und begrenzter Zeit. Sie merken, ob ein Bildungsangebot Substanz hat oder nur methodisch parfümiert wurde. Sie merken, ob „Partizipation“ echte Mitgestaltung bedeutet oder bloß Akzeptanzmanagement. Sie merken, ob „Spaß“ verlangt wird, damit niemand über Anstrengung, Macht, Scheitern oder Sinn sprechen muss.
Gerade betriebliche Weiterbildung ist ein dankbares Biotop der Schlagworthülsen. Da wird Change zur „Lernreise“, Kontrolle zu „Empowerment“, Anpassungsdruck zu „Mindset Shift“, Überforderung zu „Agilität“ und Pflichtschulung zu „Experience“. Dann stehen Erwachsene in Seminarräumen, kleben Notizblätter an Glaswände und sollen sich dabei auch noch als Subjekte ihres Lernprozesses fühlen. Das ist keine Bildung. Das ist Sprachkosmetik.
Die historischen Stimmen werden für fast alles eingespannt: Platon für Gamification. Comenius für Materialschlachten. Rousseau für Lustprinzip. Pestalozzi für Betroffenheitspädagogik. Montessori für Raumdesign. Dewey für beschäftigungstherapeutische Gruppenarbeit. Knowles für didaktische Selbstentlastung. Mezirow für Transformationsrhetorik. Deci und Ryan für Wohlfühlmanagement.
Viele pädagogische Konzepte wurden nicht weitergedacht, sondern entkernt. Übrig blieben Etiketten.
Das Problem ist nicht, dass historische Ansätze verwendet werden. Das Problem ist, dass sie ohne Prüfung, ohne Kontext und ohne begriffliche Genauigkeit verwendet werden. Sie werden nicht als Theorien behandelt, sondern als Autoritätsstempel. Wer einen großen Namen nennt, erspart sich die Begründung. Wer eine schöne Formel zitiert, muss nicht mehr zeigen, dass das eigene Format tatsächlich Lernen ermöglicht.
Für seriöse Erwachsenenbildung ist das Gegenteil nötig. Sie muss fragen:
- Was genau meint dieser historische Ansatz?
- Für welche Lernenden, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen, mit welchem Bildungsziel wurde er formuliert?
- Was lässt sich auf Erwachsene übertragen und was nicht?
- Welche empirischen Befunde stützen die Annahme?
- Wo wird aus einer Theorie bloß Dekoration?
Diese Fragen sind mühsam. Deshalb werden sie durch Schlagworte ersetzt.
Die Formel „Lernen muss Spaß machen“ ist das Endprodukt dieser Verkürzung. Sie ist die bequemste aller Hülsen, weil sie moralisch gut klingt und didaktisch wenig verlangt. Man muss dann nicht mehr über Lernziele, Gegenstandsanalyse, Vorwissen, Widerstand, Transfer, Übung, Feedback und Zumutung sprechen. Man muss nur noch Stimmung herstellen. Aber Stimmung ist keine Bildung.
Erwachsenenbildung kann nicht spaßfrei sein. Natürlich darf gelacht werden. Natürlich können gute Seminare lebendig, leicht und sogar unterhaltsam sein. Aber Spaß ist kein Qualitätskriterium. Er ist bestenfalls ein Nebenprodukt. Manchmal ist er sogar ein Warnsignal, nämlich dann, wenn alle sich wohlgefühlt haben, aber niemand etwas verlernen, umlernen oder neu begreifen musste.
Der bessere Maßstab lautet nicht: Hat es Spaß gemacht? Der bessere Maßstab lautet: Hat es etwas geklärt? Hat es Handlungsspielräume erweitert? Hat es Routinen irritiert? Hat es Kompetenzen aufgebaut? Hat es Denken geschärft? Hat es Transfer ermöglicht? Hat es die Erfahrung der Teilnehmenden ernst genommen, ohne ihr sklavisch zu dienen?
Das ist Erwachsenenbildung. Nicht bunte Beschäftigung mit Teilnahmebescheinigung.
Die historische Linie von Platon bis zur empirischen Bildungsforschung zeigt gerade nicht, dass Lernen Spaß machen muss. Sie zeigt, dass Lernen Sinn, Beziehung, Aktivität, Erfahrung, Herausforderung, Reflexion und Aneignung braucht. Sie zeigt, dass Zwang, Angst und schlechte Didaktik Lernen beschädigen. Sie zeigt aber ebenso, dass Bildung ohne Anstrengung, Irritation und Widerstand zur Dekoration verkommt.
Wer daraus „Lernen muss Spaß machen“ macht, hat nicht zusammengefasst. Er bzw. sie hat verflacht. Und genau das gehört in der Erwachsenenbildung nicht länger freundlich übergangen.
... und wer möchte, kann hier dazu nachhören.
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Veröffentlichungs- und Lizenzhinweis: Autor: Manfred Hofferer | Institution: Bildungspartner Österreich | Erstellungsdatum: April 2026 | Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) | © 2026 Manfred Hofferer, Bildungspartner Österreich. Dieser Beitrag darf unter Nennung der Autor*innen frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
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