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Bildung zwischen Aufklärung und Formierung

Rechte Bildungsstrategien und die Aufgabe demokratischer Erwachsenenbildung in Österreich

In der Tradition der österreichischen Erwachsenenbildung gilt Bildung als Instrument der Emanzipation, der Aufklärung und der Demokratisierung. Sie soll Menschen befähigen, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu reflektieren, sich ein eigenes Urteil zu bilden und an demokratischen Prozessen teilzunehmen. Gerade deshalb ist es bildungswissenschaftlich relevant, dass auch rechte, neurechte und rechtsextreme Akteurinnen und Akteure in Österreich den Bildungsbegriff für sich nutzen.

 

Dabei geht es nicht um Bildung im Sinne von Freiheit, Mündigkeit oder pluralistischer Urteilskraft. Vielmehr wird Bildung als Werkzeug der ideologischen Formierung eingesetzt. Sie dient der Stabilisierung geschlossener Weltbilder, der Ausbildung politischer Akteure und der Schwächung demokratischer Grundüberzeugungen. Das zentrale Problem besteht also nicht darin, dass rechtsextreme Akteurinnen und Akteure Bildung ablehnen. Im Gegenteil: Sie haben verstanden, dass Bildung ein machtvolles Instrument politischer Sozialisation ist.

 

Für die österreichische Erwachsenenbildung ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Sie muss erstens analysieren, wie diese Form der „Gegen-Bildung“ funktioniert. Zweitens muss sie ihre eigenen demokratischen Bildungsangebote weiterentwickeln, dass sie nicht nur informieren, sondern vor allem Urteilskraft, Ambiguitätstoleranz und gesellschaftliche Resilienz stärken.

 

Die Umdeutung des Bildungsbegriffs: Von der Aufklärung zur Formierung

Rechte, neurechte und Rechtsextreme Milieus in Österreich (und nicht nur hier) knüpfen an Strategien an, die als „Metapolitik“ beschrieben werden. Gemeint ist damit der Versuch, politische Wirkung nicht zuerst über Wahlen oder institutionelle Macht zu erzielen, sondern über kulturelle Deutungsmacht, d.h., wer Begriffe, Bilder und Erzählungen prägt, beeinflusst langfristig auch politische Einstellungen.

 

Diese Strategie bezieht sich auf theoretische Konzepte kultureller Hegemonie, deutet diese jedoch im Sinne eines autoritären Kulturkampfes um. Es geht um die langfristige Veränderung gesellschaftlicher Wahrnehmungen. Bildung wird in diesem Zusammenhang nicht als offener Prozess der Selbst- und Weltverständigung verstanden, sondern als Schulung in einem geschlossenen ideologischen Deutungsrahmen.

 

In rechten, neurechten und rechtsextremen Kontexten dient Bildung daher vor allem der politischen und weltanschaulichen Formierung. Interessierte Personen werden rhetorisch geschult, historisch selektiv informiert und ideologisch gefestigt. Auf diese Weise entstehen Räume, in denen eine vermeintliche „Gegen-Elite“ herangezogen wird. Diese soll sich selbst als intellektuelle Avantgarde verstehen, die angeblich durchschaut, was etablierte Medien, demokratische Institutionen oder politische Institutionen und demokratisch gewählte Akteure verschleiern würden.

 

Gerade diese Selbstinszenierung als kritische Bildungsbewegung macht die Strategie problematisch. Denn sie übernimmt Begriffe demokratischer Bildung, kehrt deren Bedeutung aber um. Kritik wird nicht als Offenheit gegenüber Komplexität verstanden, sondern als Bestätigung eines bereits feststehenden Feindbildes. Mündigkeit wird nicht als Kompetenz zur selbstständigen Urteilsbildung gefördert, sondern als Loyalität gegenüber einer ideologischen Gemeinschaft missverstanden.

 

Strategische Räume der „Gegen-Bildung“

Rechtsextreme Bildungsarbeit in Österreich vollzieht sich nicht an einem einzigen Ort. Sie entsteht in einem Netzwerk aus Publikationen, Schulungen, digitalen Medien und informellen Gemeinschaftsräumen. Drei Bereiche sind dabei besonders relevant.

  • Erstens spielt die publizistische und theoretische Arbeit eine zentrale Rolle. Über Bücher, Zeitschriften, Vorträge, Onlineformate und Diskussionsräume wird ein geschlossener Kanon vermittelt. Bildung wird dabei als Zugang zu exklusivem Wissen inszeniert. Dieses Wissen wird jedoch nicht zur offenen Prüfung angeboten, sondern als vermeintliche Wahrheit gegen eine angeblich manipulierte Öffentlichkeit gesetzt.
  • Zweitens sind informelle Lernorte und soziale Milieus bedeutsam. Schulungen, Lager, Gesprächskreise, studentische Milieus und aktivistische Gruppen erfüllen nicht nur eine politische, sondern auch eine pädagogische Funktion. Sie vermitteln Zugehörigkeit, Disziplin, Sprache, Rituale und ein gemeinsames Weltbild. Die Grenze zwischen politischer Beeinflussung, Freizeitgestaltung und Gemeinschaftserlebnis wird dabei häufig unscharf. Bildung wird hier emotional aufgeladen. Sie wird nicht nur gehört oder gelesen, sondern erlebt.
  • Drittens hat sich eine digitale „Akademie“ herausgebildet. Alternative Medienangebote, Videokanäle, Messenger-Gruppen und soziale Plattformen vermitteln politische und historische Inhalte in stark vereinfachter und zurechtgerückter Form. Sie arbeiten mit einer Logik permanenter Gegenaufklärung: Komplexe gesellschaftliche Entwicklungen werden auf Feindbilder reduziert, demokratische Institutionen werden delegitimiert, journalistische Medien pauschal als manipulativ dargestellt. So entsteht eine Form der „Ent-Bildung“, die nicht bloß Unwissen produziert, sondern ein in sich geschlossenes Scheinwissen.

Diese digitalen Räume sind besonders wirksam, weil sie niedrigschwellig, emotional und dauerhaft verfügbar sind. Sie bieten Erklärungen, Zugehörigkeit und Orientierung in einer komplexen Welt. Genau darin liegt ihre Attraktivität. Sie reagieren rasch auf reale Verunsicherungen, liefern aber zu jeder Zeit autoritäre Antworten.

 

Belastbare Quellen und Evidenz

Die beschriebenen Entwicklungen sind nicht bloß eine politische Vermutung. Sie werden durch unterschiedliche Quellen gestützt, insbesondere durch staatliche Lageberichte, zivilgesellschaftliche Dokumentationen, wissenschaftliche Studien und fachliche Analysen zum Rechtsextremismus in Österreich. Staatliche Lageberichte zur inneren Sicherheit behandeln Rechtsextremismus als relevantes Phänomen im Bereich des Verfassungsschutzes und beschreiben unter anderem Radikalisierung, digitale Mobilisierung und sicherheitsrelevante Entwicklungen. Die entsprechenden österreichischen Berichte enthalten aktuelle Lageeinschätzungen, Trends und Entwicklungstendenzen für verfassungsschutzrelevante Bereiche.

 

Zivilgesellschaftliche Dokumentationen zeigen seit Jahren personelle, organisatorische und ideologische Verflechtungen zwischen rechtsextremen Szenen, deutschnationalen Milieus, publizistischen Netzwerken und einzelnen politischen Kontexten. Der aktuelle Rechtsextremismusbericht für Österreich versammelt Daten und Analysen zu rechtsextremen Aktionen und Ideologien und ordnet diese Entwicklungen entsprechend ein. Die akademische Forschung ergänzt diese Befunde. Arbeiten zu Rechtsextremismus, deutschnationalen Milieus rechter und neurechter Rhetorik zeigen, wie Sprache, Geschichtsbilder und Bildungsformate zur Normalisierung antipluralistischer und demokratiegefährdender Positionen beitragen können. Einschlägige Forschung zu akademischen Burschenschaften in Österreich untersucht etwa weltanschauliche Grundlagen, politische Praxis und völkisch-nationalistische Ideologie nach 1945.

 

Auch aus Sicht der Erwachsenenbildung ist das Thema relevant. Fachbeiträge zur politischen Erwachsenenbildung beschreiben Rechtsextremismus ausdrücklich als Herausforderung für Demokratiebildung und verweisen auf Ansätze wie Demokratiebildungsangebote, Argumentationstrainings und Workshops für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Gerade diese Verbindung aus Theoriearbeit, Gemeinschaftsbildung und digitaler Mobilisierung macht rechtsextreme Bildungsstrategien wirksam. Sie erzeugen nicht nur politische Zustimmung, sondern ein geschlossenes Deutungs- und Verstehens-System. Dieses System erklärt die Welt, benennt Gegner und Gegnerinnen, verspricht Zugehörigkeit und vermittelt den Beteiligten das Gefühl, Teil einer historischen Gegenbewegung zu sein.

 

Fazit für die Erwachsenenbildung

Für die österreichische Erwachsenenbildung ist diese Entwicklung eine ernste Herausforderung. Sie zeigt, dass Bildung nicht automatisch demokratiefördernd wirkt. Bildung kann aufklären, aber sie kann auch zur ideologischen Formierung beitragen. Sie kann Mündigkeit fördern, aber sie kann auch weltanschauliche Abkapselung erzeugen. Entscheidend ist daher nicht nur, dass Bildungsprozesse stattfinden, sondern in welchem normativen, methodischen und politischen Rahmen sie stattfinden.

 

Demokratische Erwachsenenbildung muss deshalb deutlicher machen, worin ihr Unterschied zu autoritärer Formierung besteht. Sie darf Komplexität nicht vorschnell reduzieren. Sie muss Menschen dabei unterstützen, Widersprüche auszuhalten, Quellen kritisch zu prüfen, unterschiedliche Perspektiven zu unterscheiden und demokratischen Streit auszutragen. Medienmündigkeit ist dabei keine Zusatzkompetenz, sondern eine zentrale Überlebensfähigkeit demokratischer Gesellschaften.

 

Wenn rechte, neurechte und rechtsextreme Akteurinnen und Akteure Bildung nutzen, um Feindbilder zu stabilisieren, muss demokratische Bildung Räume öffnen, in denen Differenz, Kritik und Urteilskraft möglich bleiben. Wenn rechte Gegen-Bildung einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert, muss Erwachsenenbildung zeigen, dass demokratische Mündigkeit gerade dort beginnt, wo einfache Antworten nicht mehr ausreichen.

 

Die Aufgabe der Erwachsenenbildung besteht daher nicht nur in der Abwehr rechter und rechtsextremer Ideologie. Sie besteht vor allem darin, die demokratische Substanz von Bildung selbst zu verteidigen: Bildung als Praxis der Freiheit, der Reflexion und der gemeinsamen Verantwortung.

 

Auszug: Literatur und Quellen

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Veröffentlichungs- und Lizenzhinweis: Autor: Manfred Hofferer | Institution: Bildungspartner Österreich | Erstellungsdatum: Mai 2026 | Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) | © 2026 Manfred Hofferer, Bildungspartner Österreich. Dieser Beitrag darf unter Nennung der Autor*innen frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/


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