Beziehung und Berührt-Werden

Resonanz in Online-Sitzungen

Was hat es damit auf sich?

Die Frage nach der Möglichkeit von Resonanz in Online-Sitzungen steht in einem breiteren wissenschaftlichen, aber auch bildungspraktischen Diskurs über die Qualität digital vermittelter Begegnung. Dabei lassen sich zugespitzt zwei Positionen unterscheiden. Auf der einen Seite stehen eher skeptische Stimmen, die digitale Kommunikation vor allem als defizitäre Form sozialer Interaktion betrachten. Aus dieser Perspektive fehlen zentrale Bedingungen gelingender Begegnung, insbesondere leibliche Ko-Präsenz, geteilter Raum, unmittelbarer Blickkontakt und die Fülle nonverbaler Signale. Online-Kommunikation erscheint dann als technisch funktional, aber relational verdünnt.

 

Auf der anderen Seite betonen Befürwortende digitaler Formate deren eigenständige kommunikative Potenziale. Sie verweisen darauf, dass auch unter medial vermittelten Bedingungen Verbundenheit, Responsivität, emotionale Beteiligung und kooperative Abstimmung entstehen können. Digitale Interaktion wird in dieser Sicht nicht bloß als Ersatz physischer Anwesenheit verstanden, sondern als eigenständige Form sozialer Begegnung mit spezifischen Möglichkeiten und Grenzen.

 

Beide Positionen greifen für sich genommen zu kurz. Weder lässt sich digitale Kommunikation pauschal als defizitär abwerten, noch ist überzeugend zu behaupten, sie könne physische Begegnung ohne Weiteres ersetzen. Gerade an diesem Spannungsverhältnis setzt die folgende Betrachtung an. Sie fragt, unter welchen theoretischen und empirisch beschreibbaren Bedingungen in kameravermittelten Live-Sitzungen Resonanz entstehen kann und wo die strukturellen Grenzen dieser Form der Interaktion liegen.

 

1. Fragestellung und Ausgangspunkt

Die Frage, ob in kameravermittelten Live-Sitzungen Resonanz entstehen kann, lässt sich aktuell wissenschaftlich weder mit einem einfachen Ja noch mit einem klaren Nein beantworten. Fest steht, digitale Interaktion ist keine bloße Kopie von Face-to-Face-Kommunikation. Sie verändert vielmehr die Bedingungen, unter denen wechselseitige Affizierung, responsives Antworten und subjektive Transformation möglich werden.

 

Aus soziologischer Sicht ist Resonanz mit Hartmut Rosa als Beziehungsmodus zu verstehen, nicht als bloße Emotion. Resonanz bezeichnet eine Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Gegenüber einander erreichen, aufeinander antworten und sich dabei verändern, ohne dass dieser Prozess vollständig verfügbar oder technisch herstellbar wäre (Rosa, 2016). Für Online-Sitzungen bedeutet das, dass Resonanz nicht ausgeschlossen ist. Sie ist jedoch stärker von situativen, medialen und interaktionellen Bedingungen abhängig als unter physischer Ko-Präsenz.

 

2. Theoretischer Rahmen

Rosas Resonanztheorie eignet sich als begrifflicher Rahmen, weil sie die Qualität von Beziehung und nicht nur den Austausch von Information in den Mittelpunkt stellt. Für den vorliegenden Zusammenhang ist besonders relevant, dass Resonanz bei Rosa wesentlich leiblich vermittelt gedacht wird. Genau hier liegt eine zentrale Schwierigkeit digitaler Live-Formate: Sie erlauben synchrone Kommunikation, reduzieren aber den geteilten Wahrnehmungsraum und begrenzen den Zugang zu nonverbalen Signalen, Körperorientierung, Blickverhalten und räumlicher Koordination.

Die Anschlussfähigkeit dieser Theorie an Befunde aus Sozialpsychologie und sozialer Neurowissenschaft ist grundsätzlich gegeben, sie darf jedoch nicht überdehnt werden. Insbesondere das menschliche Spiegelneuronensystem wird in populären Darstellungen häufig als direkte Erklärung für Empathie oder Resonanz verwendet. Die Forschungslage ist hier deutlich vorsichtiger. Das System wird eher als möglicher Baustein für Handlungswahrnehmung, Imitation und bestimmte Formen sozialer Informationsverarbeitung diskutiert, nicht als hinreichende Gesamterklärung komplexer Beziehungserfahrungen (Dickerson et al., 2017).

 

Zugleich ist begrifflich festzuhalten, dass die herangezogenen empirischen Studien Resonanz nicht unmittelbar im Sinne Rosas erfassen. Untersucht werden vielmehr Teilaspekte, die für resonanzförmige Beziehungserfahrungen relevant sein können, etwa soziale Präsenz, physiologische Synchronisation, emotionale Abstimmung oder Blickkontaktwahrnehmung. Der empirische Forschungsstand erlaubt daher keine direkte Messung von Resonanz als theoretischem Gesamtphänomen, wohl aber Aussagen über Bedingungen, die resonanzförderlich oder resonanzhemmend wirken können.

 

3. Empirische Befunde zu Online-Interaktion

Empirisch spricht einiges dafür, dass auch in digitalen Live-Formaten Formen zwischenmenschlicher Abstimmung entstehen können. Für den Bereich der Online-Lehre zeigen Studien zur sozialen Präsenz, dass synchrone Videoformate Verbundenheit und Beteiligung fördern können, sofern die Interaktion didaktisch strukturiert ist und nicht auf bloße Einwegkommunikation reduziert wird (Aldosari, 2022). Entscheidend ist damit nicht allein das Medium, sondern die soziale und didaktische Gestaltung der Situation.

 

Neuere Hyperscanning-Forschung zeigt zudem, dass interpersonale neuronale Synchronisation auch in online vermittelten Seminaren beobachtbar ist. Azhari et al. (2025) berichten über inter-brain synchrony in aktiven Diskussionsphasen eines naturalistischen Online-Seminars. Zugleich macht die Studie deutlich, dass solche Effekte kontextgebunden sind und vor allem dort auftreten, wo tatsächliche Interaktion stattfindet. Daraus folgt nicht, dass jede Videokonferenz automatisch Resonanz erzeugt. Es zeigt sich vielmehr, dass synchronisierte Abstimmungsprozesse unter bestimmten Bedingungen auch online empirisch nachweisbar sind.

 

Für physiologische Synchronisation liefert die neuere Forschung ebenfalls ein differenziertes Bild. Streuber et al. (2026) zeigen, dass Herzratenvariabilität in Virtual-Reality-Settings stärker an Face-to-Face-Bedingungen anschließen kann als in herkömmlichen Videoformaten. In derselben Arbeit fällt die Synchronie in klassischen Videokonferenzen schwächer aus. Dieser Befund stützt die Annahme, dass audiovisuelle Zweidimensionalität und eingeschränkte räumliche Immersion soziale Kopplung tendenziell begrenzen. Er rechtfertigt jedoch nicht die pauschale Aussage, Videoformate seien grundsätzlich resonanzunfähig.

 

4. Zentrale Einschränkungen kameravermittelter Resonanz

Ein robust belegtes Problem digitaler Interaktion betrifft den Blickkontakt. In Standard-Setups fallen Blickrichtung auf den Bildschirm und Blickrichtung in die Kamera auseinander. Dadurch entsteht der Eindruck eines nur angenäherten, nicht eines wechselseitig geteilten Blickkontakts. Kaiser et al. (2022) beschreiben diese Konstellation als strukturelles Problem videovermittelter Kommunikation. Für beratende, therapeutische oder lehrende Settings ist das relevant, weil Blickkontakt eng mit Aufmerksamkeit, Empathiewahrnehmung und Beziehungssicherheit verbunden ist.

Ein weiterer Punkt betrifft die sogenannte emotionale Ansteckung. Marx et al. (2025) zeigen für dyadische Online-Videokonferenzen, dass emotionale Kontagion auch hier vorkommt, allerdings nicht notwendig in gleicher Breite und Intensität wie unter Bedingungen physischer Ko-Präsenz. Für den vorliegenden Zusammenhang lässt sich daraus vor allem ableiten, dass emotionale Übertragung online möglich ist, aber selektiv und kontextabhängig bleibt. Aus Einzelstudien lässt sich bislang keine allgemeingültige Rangordnung aller Emotionen und Settings ableiten.

 

Hinzu kommt, dass digitale Kommunikation nur einen verkürzten Wahrnehmungsausschnitt bietet. Sichtbar sind in der Regel Gesicht, Stimme und ein begrenzter Teil des Körpers beziehungsweise der Körperhaltung. Weniger zugänglich bleiben geteilte Raumwahrnehmung, periphere Signale, spontane Blickwechsel, gemeinsames Objektbezugshandeln und feine Formen leiblicher Koordination. Arbeiten aus dem Feld der embodied cognition und der interpersonalen Synchronie deuten darauf hin, dass diese Reduktion Folgen für Abstimmung, Belastungserleben und Beziehungserfahrung haben kann (Magni et al., 2025).

 

5. Konsequenzen für die Bewertung von Online-Sitzungen

In jedem Fall spricht die momentane Befundlage gegen zwei vereinfachende Deutungen. Zum einen ist die Annahme unhaltbar, digitale Live-Sitzungen seien grundsätzlich defizitär und könnten nur oberflächliche Kommunikation hervorbringen. Zum anderen ist aber ebenso unhaltbar, Resonanz entstehe online in gleicher Form wie unter Bedingungen physischer Anwesenheit.

 

Wissenschaftlich plausibel ist vielmehr eine Position dazwischen. Konkret: Online-Sitzungen ermöglichen resonanzförmige Prozesse, allerdings unter veränderten und gegenüber physischer Ko-Präsenz häufig fragileren Bedingungen.

 

Für anwendungsbezogene Felder wie Beratung, Lehre, Supervision oder Coaching lassen sich daraus vorsichtige praktische Implikationen ableiten. Förderlich erscheinen kleine Gruppengrößen, klare Redewechsel, explizite Aktivierungsphasen, stabile technische Bedingungen, eine bewusste Kameraposition auf Augenhöhe sowie Settings, die tatsächliche Responsivität ermöglichen. Je stärker Teilnehmende lediglich konsumieren, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich soziale Präsenz und wechselseitige Abstimmung verdichten.

 

6. Ergebnis

Resonanz über die Kamera ist möglich, aber sie ist weder selbstverständlich noch funktional identisch mit Face-to-Face-Begegnung.

 

Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, dass digitale Live-Interaktion soziale Präsenz, emotionale Übertragung und in bestimmten Konstellationen auch physiologische beziehungsweise neuronale Abstimmung ermöglichen kann. Gleichzeitig zeigen die vorliegenden Studien konsistent, dass Blickkontakt, räumliche Immersion, Körperwahrnehmung sowie situative Einbettung im Videoformat begrenzt bleiben.

 

Online-Resonanz lässt sich deshalb am treffendsten als medial vermittelte, kontextabhängige und gegenüber physischer Ko-Präsenz tendenziell fragilere Form zwischenmenschlicher Beziehung beschreiben. Diese Formulierung ist wissenschaftlich belastbarer als starke Behauptungen über ein generelles Gelingen oder Scheitern digitaler Resonanz. Sie nimmt sowohl die theoretische Einsicht in die Leibgebundenheit von Resonanz als auch die empirische Evidenz für gelingende Abstimmung unter digitalen Bedingungen ernst.

 

Literatur

  • Aldosari, A. M. (2022). Improving social presence in online higher education: Using live virtual classroom to confront learning challenges during COVID-19 pandemic. Frontiers in Psychology, 13, Article 994403. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.994403
  • Azhari, A., Rai, A., Ho, H. S., Jegathisan, A., Gill, S., Norfor, N., & Chen, Z. (2025). Inter-brain synchrony between undergraduate students during a naturalistic online seminar predicted greater relational satisfaction and task performance. Frontiers in Neuroscience, 19, Article 1705767. https://doi.org/10.3389/fnins.2025.1705767
  • Dickerson, K., Gerhardstein, P., & Moser, A. (2017). The role of the human mirror neuron system in supporting communication in a digital world. Frontiers in Psychology, 8, Article 698. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00698
  • Kaiser, N., Henry, K., & Eyjólfsdóttir, H. (2022). Eye contact in video communication: Experiences of co-creating relationships. Frontiers in Psychology, 13, Article 852692. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.852692
  • Magni, G., Amadini Genovese, L., Riva, G., & Repetto, C. (2025). Embodied metaphors and interpersonal synchrony in the digital age: The case of remote working. Frontiers in Psychology, 16, Article 1648733. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1648733
  • Marx, A. K. G., Sachs, M. E., Frenzel, E., & Schweizer, M. (2025). Emotional contagion in dyadic online video conferences: Empirical evidence based on self-report and facial expression data. Frontiers in Psychology, 16, Article 1546303. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1546303
  • Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
  • Streuber, S., Rogula, S., Quirós-Ramírez, M. A., Sonenberg, J., Lugrin, J.-L., Reiterer, H., & Gramann, K. (2026). Remote collaboration in virtual reality induces physiological synchrony comparable to face-to-face interaction. Scientific Reports, 16, Article 3721. https://doi.org/10.1038/s41598-026-35955-y

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Veröffentlichungs- und Lizenzhinweis: Autor: Manfred Hofferer | Institution: Bildungspartner Österreich | Erstellungsdatum: April 2026 | Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) | © 2026 Manfred Hofferer, Bildungspartner Österreich. Dieser Beitrag darf unter Nennung der Autor*innen frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/


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