KI Erwachsenenbildung

Potenzial & Realität

Das Paradox des KI-Booms

Die öffentliche und fachliche Diskussion über Digitalisierung wird gegenwärtig dominant von den Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) geprägt. Insbesondere seit der breiten Verfügbarkeit generativer Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) erlebt der Bildungssektor einen beispiellosen Hype. Die Potenziale scheinen immens: von der automatisierten Erstellung von Lernmaterialien bis hin zu hyper-personalisierten Lernpfaden. Bildungsträger, Politik und EdTech-Unternehmen proklamieren eine neue Ära des Lernens.

 

Trotz dieses technologischen "Goldrausches" zeigt sich in der Praxis der Erwachsenenbildung ein ernüchterndes Bild. Lehrende und Institutionen berichten übereinstimmend, dass die aktuell verfügbaren Tools, Inhalte und Anwendungen oft nur einen geringen oder gar keinen praktischen Nutzen für die tägliche Bildungsarbeit aufweisen.

 

Die Anatomie des KI-Hypes im Bildungssektor

Der gegenwärtige Boom ist kein singuläres Phänomen, sondern das Ergebnis mehrerer, sich gegenseitig verstärkender Faktoren.

 

Technologische Zugänglichkeit und Disruption

Der entscheidende Katalysator war die Veröffentlichung von leistungsfähigen, einfach zu bedienenden generativen KI-Systemen wie ChatGPT oder Bildgeneratoren (z.B. DALL-E, Midjourney). Erstmals ist eine komplexe Technologie nicht nur Spezialisten vorbehalten, sondern über intuitive Schnittstellen für die Allgemeinheit nutzbar. Diese Demokratisierung der KI-Nutzung hat eine massive Welle des Experimentierens ausgelöst und die Vorstellungskraft dessen, was im Bildungsbereich automatisierbar scheint, radikal erweitert.

 

Ökonomischer Imperativ und Qualifikationsdruck

Parallel existiert ein starker wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck. Die Sorge vor einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt zu politischen Forderungen, KI-Kompetenzen flächendeckend in die Aus- und Weiterbildung zu implementieren. Die Erwachsenenbildung, insbesondere die berufliche Weiterbildung, steht unter dem massiven Druck, Arbeitskräfte für einen durch KI transformierten Arbeitsmarkt zu qualifizieren ("Upskilling" und "Reskilling"). Dieser Druck ist in vielen Bereichen reaktiv und fokussiert auf die Technologie selbst, weniger auf deren pädagogische Integration.

 

Das Effizienz- und Personalisierungsversprechen

Für Bildungsanbietende, Bildungsträger und Lehrende sind zwei Verheißungen zentral:

  1. Effizienz: Die Hoffnung auf Zeitersparnis ist aktuell wohl noch der größte Treiber. KI soll administrative Lasten reduzieren, indem sie Kurspläne entwirft, Prüfungsfragen generiert, Texte zusammenfasst oder Feedback automatisiert auswertet. In einem chronisch unterfinanzierten Sektor wirkt das hochattraktiv.
  2. Personalisierung: Das Ideal der "adaptiven Lernsysteme" ist die zweite große Vision. KI soll in der Lage sein, den individuellen Wissensstand, das Lerntempo und die Präferenzen von Teilnehmenden zu erkennen und maßgeschneiderte Lernpfade bereitzustellen. Das verspricht die Lösung des Kernproblems der Erwachsenenbildung: die extreme Heterogenität der Lerngruppen.

Marktdruck der EdTech-Industrie

Ein aggressiver und kapitalstarker EdTech-Markt (Educational Technology) drängt mit KI-basierten Lösungen in die Institutionen. Getrieben von Investorinnen und Investorenlogik, werden Produkte oft als universelle Lösungen für komplexe pädagogische Probleme vermarktet. Dieser "Supply-Push" (angebotsgetriebener Markt) erzeugt bei Bildungsanbietenden und Bildungseinrichtungen den Druck, diese Tools zu implementieren, um als innovativ zu gelten.

 

Die Realität: Warum KI-Tools in der Praxis scheitern

Die Diskrepanz zwischen dem Hype und der geringen praktischen Relevanz in der Erwachsenenbildung ist signifikant. Die Gründe liegen nicht primär in einer Technologiefeindlichkeit der Lehrenden, sondern in fundamentalen Mismatches zwischen den Tools und den Anforderungen der Andragogik.

 

Technologiezentrismus statt Didaktikprimat

Das Kernproblem der aktuellen KI-Tools ist ihr Design: Sie sind technologiezentriert, nicht pädagogikzentriert. Die meisten Anwendungen (insbesondere generative KI) sind generische Werkzeuge zur Inhalts- oder Medienerstellung. Sie beantworten die Frage: "Was kann die Technologie?"

 

Gute Bildungsarbeit stellt jedoch die Frage: "Welches didaktische Problem soll gelöst werden?" Lehrende in der Erwachsenenbildung benötigen keine Tools, die "irgendeinen Text" zum Thema Zeitmanagement generiert. Sie benötigen Instrumente, die spezifische didaktische Funktionen unterstützen: Wie kann das Vorwissen einer heterogenen Gruppe aktiviert werden? Wie kann der Transfer des Gelernten in den Berufsalltag der Teilnehmenden simuliert und stimuliert werden? Wie wird eine kontroverse (Gruppen-)diskussion moderiert?

 

Für diese zentralen, handlungsorientierten und sozialen Methoden der Erwachsenenbildung bieten aktuelle KI-Systeme nahezu keine Unterstützung. Sie fokussieren auf instruktionale Modelle (Wissensvermittlung, Abfrage), die in der modernen Andragogik schon lange als unzureichend gelten.

 

Ignoranz gegenüber der Zielgruppen-Spezifität

Erwachsenenbildung ist durch ein extremes Maß an Diversität gekennzeichnet. Die Teilnehmenden variieren massiv in Bezug auf Alter, Motivation (intrinsisch vs. extrinsisch), kulturellen Hintergrund, Berufserfahrung und digitale Kompetenzen.

  • Generische Inhalte: KI-Tools, trainiert auf dem Durchschnitt des Internets und produzieren in der Regel oberflächliche Standardinhalte. Diese sind für Fachexpertinnen und Fachexperten (die häufig selbst unterrichten) zu banal und für absolute Laien (z. B. in der Grundbildung) zu abstrakt und/oder fehlerhaft. Die notwendige Binnendifferenzierung wird nicht geleistet.
  • Die digitale Kluft: Der Hype ignoriert, dass ein signifikanter Teil der Zielgruppen in der Erwachsenenbildung (und dabei muss nicht an Alphabetisierungs-, Integrations- oder Seniorinne und Seniorenkurse gedacht werden) nicht über die notwendige digitale Grundkompetenz und/oder die technische Ausstattung verfügt, um diese Tools überhaupt zu nutzen. Lehrende können deren Einsatz nicht voraussetzen, was die Implementierung im Kursgeschehen extrem erschwert bis verunmöglicht.

Strukturelle Realitäten: Ressourcen und Kompetenzen

Der Digitalisierungsboom trifft auf ein Bildungssystem, dessen Personalstruktur Innovation eher behindert als fördert.

  • Prekäre Beschäftigungsverhältnisse: Ein Großteil der Erwachsenenbildung wird von freiberuflichen Lehrenden auf Honorarbasis getragen. Diese Lehrenden werden für die reine Unterrichtszeit bezahlt, nicht jedoch für die Einarbeitung in komplexe neue Technologien, nicht für die didaktische Konzeption neuer Formate und schon gar nicht für die Evaluierung (und das Verwerfen) von EdTech-Produkten. Es fehlt schlicht an bezahlter Zeit für diese Professionalisierung.
  • Der "Curation Overhead": Das Effizienzversprechen verkehrt sich in der Praxis regelmäßig ins Gegenteil. Die von KI generierten Inhalte sind selten "fertig" oder direkt verwendbar. Sie müssen intensiv auf sachliche Korrektheit (Stichwort: Halluzinationen), didaktische Eignung und sprachliche Angemessenheit geprüft und überarbeitet werden. Dieser Curating-Aufwand übersteigt fast immer den Zeitaufwand einer Neuerstellung durch die Fachkraft.
  • Fehlende Fortbildung: Systematische, didaktisch fundierte Fortbildungen, die Lehrende befähigen, KI pädagogisch sinnvoll, statt nur technisch zu bedienen, fehlen in der Breite.

Der pädagogische Mismatch

Effektive Erwachsenenbildung ist erfahrungsbasiert, sozial und dialogisch. Sie lebt vom Austausch, von der Gesprächsdynamik, dem Austausch von Erfahrungen, der kritischen Reflexion und dem gemeinsamen Aushandeln von Wissen (sozialer Konstruktivismus).

Die aktuellen KI-Tools sind das exakte Gegenteil. Sie sind individualistisch, instruktional und asozial. Sie fördern das isolierte Abarbeiten von Inhalten und die Reproduktion von Informationen, nicht aber die für Erwachsene zentralen Kompetenzen wie Ambiguitätstoleranz, kritisches Denken oder Teamfähigkeit.

 

Rechtliche und Ethische Implementierungshürden

Selbst wenn ein Tool didaktisch sinnvoll wäre, scheitert der Einsatz heute oft an der Bürokratie:

  • Datenschutz (DSGVO): Die meisten marktführenden KI-Tools sind US-amerikanische Produkte. Ihre Nutzung in einem Bildungskontext, bei dem Daten von Teilnehmenden verarbeitet werden, ist datenschutzrechtlich hochproblematisch bis unzulässig. Bildungsanbietende und Bildungsträger können dieses Haftungsrisiko nicht eingehen.
  • Urheberrecht: Die Rechtslage bezüglich der Eigentums- und Nutzungsrechte an KI-generierten Inhalten ist volatil und ungeklärt.
  • Algorithmischer Bias: KI-Modelle reproduzieren die Verzerrungen (Bias) ihrer Trainingsdaten. Das führt zur Verstärkung von Stereotypen (bezüglich Geschlecht, Herkunft aber auch Fehlern in theoretischen Konstrukten etc.), was in der sensiblen Bildungsarbeit ethisch nicht tragbar ist.

Fazit: Von generischen Tools zu didaktischen Instrumenten

Der aktuelle KI-Boom beschreibt primär das technologische Potenzial generischer Anwendungen. Die Praxis der Erwachsenenbildung benötigt jedoch keine weiteren "Schweizer Taschenmesser", die alles ein bisschen, aber nichts spezifisch für die Lehre können.

 

Die derzeitige Nutzlosigkeit vieler Tools resultiert aus einer fundamentalen Fehlannahme: der Glaube, ein Werkzeug zur Inhaltserstellung sei bereits ein didaktisches Instrument. Die Realität der Andragogik, geprägt von Heterogenität, knappen Ressourcen, sozialen Lernprozessen und hohen rechtlichen Hürden, wird von den aktuellen, technologiegetriebenen Entwicklungen weitgehend ignoriert.

 

Eine sinnvolle Integration von KI in die Erwachsenenbildung wird erst dann stattfinden, wenn sich der Fokus verschiebt: weg von der generischen Technologie hin zur Entwicklung spezifischer, datenschutzkonformer und didaktisch fundierter Fachanwendungen, die Lehrende als Expertinnen und Experten ihrer Domäne unterstützen, statt sie mit fehleranfälligen "Effizienzversprechen" unter Druck zu setzen.

 

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HINWEIS: Für die sprachliche Glättung und stilistische Vereinfachung dieses Beitrags wurden KI-basierte Tools (ChatGPT 5, Gemini 2.5 Pro, Copilot) unterstützend eingesetzt. Alle inhaltlichen Aussagen und Schlussfolgerungen wurden von Autor ausgewählt, geprüft und verantwortet. Die KI hatte keine Rolle bei der inhaltlichen Generierung oder Bewertung der Forschungslage.


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