Viel ist keine Lösung
Wider der Illusion des Lernens
Autor: Manfred Hofferer & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2025
Investitionen in die betriebliche Weiterbildung sind substanziell. Unternehmen und Organisationen investieren mitunter erhebliche Ressourcen, um das Wissen und die Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden zu erweitern. Seminare, Workshops und Schulungen sind mittlerweile ein Milliardengeschäft. Doch eine kritische Frage wird oft vernachlässigt: Was bleibt von einem achtstündigen Seminartag langfristig hängen?
Die Antwort aus der kognitiven Psychologie und der empirischen Lernforschung ist ernüchternd und stellt traditionelle Schulungsformate fundamental in Frage. Die Annahme, dass ein menschliches Gehirn Informationen linear über acht Stunden aufnehmen kann, ist ein fataler Trugschluss. Der limitierende Faktor ist nicht die Speicherkapazität der menschlichen Gehirne, sondern die Kapazität zur tiefen Verarbeitung von Informationen.
Das unvermeidliche Vergessen
Die wohl fundamentalste Erkenntnis zum Gedächtnis stammt von Hermann Ebbinghaus (1885). Seine Forschung zur "Vergessenskurve" demonstriert einen exponentiellen Zerfall von gelernten Informationen, wenn diese nicht aktiv genutzt oder wiederholt werden. Wichtig: Die Grundidee der Vergessenskurve ist nach wie vor gültig und empirisch gut belegt. Die konkrete Kurve von Ebbinghaus ist jedoch überholt und dient heute vor allem als theoretischer Ausgangspunkt, nicht als präzises empirisches Modell.
Ebbinghaus’ Selbstversuche zeigten, dass bei passivem Lernen von neuem Material (in seinem Fall bedeutungslose Silben, was den Zerfall beschleunigt) bereits nach 24 Stunden bis zu 70% des Gelernten nicht mehr abrufbar sein können. Nach einer Woche sind es oft über 80%.
Obwohl die exakten Prozentzahlen je nach Art des Materials (sinnvolle vs. sinnlose Inhalte) variieren, bleibt die Grundaussage für die Weiterbildung gültig: Ein Seminartag, der primär auf Informationsinput und passivem mit Spielen und Übungen versetzen Konsum basiert, produziert Wissen mit einer extrem kurzen Halbwertszeit. Das Gehirn optimiert sich, indem es Informationen, die keinen unmittelbaren Relevanz- und/oder Anwendungsbezug aufweisen, schnell wieder verwirft.
Ein achtstündiger Seminartag, konzipiert als "Content Dump", ist aus neurobiologischer Sicht eine statistisch garantierte Verschwendung von Ressourcen. Die Teilnehmenden verlassen das Seminar zwar häufig mit dem Gefühl, viel gelernt zu haben (das nennt man die "Illusion des Wissens"), doch dieses Gefühl korreliert nicht mit dem tatsächlichen, langfristigen Behalten.
Von Lernmythen und ihren wahren Kernen
Um den Unterschied im Behalten zu illustrieren, werden regelmäßig immer noch populäre Modelle wie die "Lernpyramide" herangezogen. Diese Modelle suggerieren exakte Behaltens Quoten für unterschiedliche Lernmethoden (z. B. "Hören: 5%", "Lesen: 10%", "Selbst tun: 75%", "Andere lehren: 90%"). Vielmehr Fakt ist und es muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass diese spezifischen Prozentzahlen aus wissenschaftlicher Sicht ein Mythos sind. Es existieren keine validen empirischen Studien, die diese Zahlen stützen. Die rigide Zuordnung von Prozentwerten zu einzelnen Lernkanälen ist unwissenschaftlich.
Was diese Mythen jedoch (unbeabsichtigt) transportieren, ist ein didaktisches Grundprinzip, das von der modernen Kognitionsforschung bestätigt wird: Der Grad der kognitiven Aktivität ist entscheidend.
Der wahre Unterschied liegt nicht im Medium (Hören vs. Lesen), sondern in der Tiefe der mentalen Verarbeitung. Es ist möglich, einem Vortrag extrem passiv zu folgen, und es ist möglich, einen Text außergewöhnlich aktiv (analysierend, hinterfragend, strukturierend) zu bearbeiten. Dennoch bieten bestimmte Lernformen eine höhere Wahrscheinlichkeit für tiefe Verarbeitung. Das "Lehren" (der 90%-Mythos) ist nur deshalb so effektiv, weil es den Lehrenden zwingt, das Wissen für sich selbst neu zu strukturieren, zu vereinfachen und aktiv aus dem Gedächtnis abzurufen.
Verarbeitungstiefe: Der entscheidende Faktor
Das "Levels of Processing"-Modell (Craik & Lockhart, 1972) bietet eine validere Erklärung dafür, was langfristig behalten wird. Ob eine Information gespeichert wird, hängt vor allem davon ab, wie tief sie kognitiv verarbeitet wurde.
- Oberflächliche Verarbeitung (Shallow Processing): Das bezieht sich auf die Wahrnehmung von Struktur- oder Klangmerkmalen. Im Seminar-Kontext: Einem Vortrag lauschen, ohne die Inhalte mit eigenem Wissen zu verknüpfen. Das bloße "Hören" und "Notieren" von Fakten, um sie später zu erinnern (Auswendiglernen), ist eine sehr oberflächliche Verarbeitung. Diese Gedächtnisspuren sind äußerst schwach.
- Tiefe Verarbeitung (Deep Processing): Das geschieht, wenn die Bedeutung der Information analysiert wird. Im Seminar-Kontext: Lernende müssen das neue Wissen in eigene Worte fassen, es mit bestehenden mentalen Modellen verknüpfen, es kritisch bewerten, es auf ein eigenes Praxisproblem anwenden oder es mit anderen Konzepten vergleichen.
Ein achtstündiger Seminartag ist daher nicht durch die Menge der präsentierten Folien begrenzt, sondern durch die limitierte Zeit, die für tiefe Verarbeitungsprozesse zur Verfügung steht. In jedem Fall ist kognitive Verarbeitung enorm energie- und zeitintensiv. Nach 60 bis 90 Minuten (Faustregel) intensiver Konzentration auf neue und komplexe Inhalte sinkt die Fähigkeit zur tiefen Verarbeitung ab (kognitive Ermüdung). Aber auch längere Phasen (2–3 Stunden) sind durchaus möglich, wenn die Aufgabe intrinsisch motivierend oder abwechslungsreich ist, aber das ist kein Dauerzustand.
Die Schlussfolgerung: Ein Seminartag darf nicht darauf abzielen, möglichst viel Inhalt zu vermitteln, sondern darauf, maximal 3 bis 5 Kernkonzepte durch intensive, tiefe Verarbeitung zu verankern.
Die stärksten Hebel: Aktiver Abruf und "Wünschenswerte Erschwernisse"
Die moderne Lernforschung hat zwei Mechanismen identifiziert, die den Langzeiterhalt weitaus stärker fördern als passives Wiederholen oder reiner Input.
1. Aktiver Abruf (Active Retrieval / Der Testeffekt): Lernen geschieht nicht primär beim Input (Aufnahme), sondern beim Output (Abruf). Jedes Mal, wenn das Gehirn gezwungen wird, eine Information ohne Hilfsmittel (Notizen, Folien) aus dem Gedächtnis abzurufen, wird die neuronale Verbindung zu dieser Information gestärkt.
Dieser "Testeffekt" ist einer der robustesten Befunde der Lernpsychologie. Erneutes Lesen der Seminarunterlagen (eine passive Methode) erzeugt die bereits erwähnte "Illusion des Wissens". Der Versuch, das Gelesene eine Stunde später aus dem Kopf zusammenzufassen (eine aktive Methode), ist anstrengender, aber exponentiell effektiver für das Langzeitgedächtnis.
Ein Seminar, das Lernende permanent dazu zwingt, das Gehörte aktiv anzuwenden oder in Diskussionen abzurufen, schlägt einen reinen Vortrag um Längen.
2. Wünschenswerte Erschwernisse (Desirable Difficulties) Robert Bjork prägte diesen Begriff für Lernmethoden, die sich im Moment des Lernens schwierig und mühsam anfühlen, aber zu überlegenem Langzeitlernen führen.
- Der Generierungseffekt (Generation Effect): Lernende behalten Konzepte besser, wenn sie gezwungen sind, die Antwort oder Lösung selbst zu generieren, anstatt sie nur präsentiert zu bekommen. Ein Seminar, das mit einem ungelösten Problem beginnt, das die Teilnehmenden selbst bearbeiten müssen, ist effektiver als ein Seminar, das die Lösung auf der ersten Folie präsentiert.
- Spacing (Verteilte Wiederholung): Das Gegenteil eines 8-Stunden-Blocks. Lernen ist effektiver, wenn die Auseinandersetzung mit dem Stoff über die Zeit verteilt wird. Anstatt ein Thema drei Stunden am Stück zu behandeln, ist es besser, es dreimal je eine Stunde (mit zeitlichem Abstand) zu bearbeiten.
Fazit: Was kann ein Seminartag leisten?
Ein durchschnittlicher erwachsener Lernender kann an einem Seminartag eine enorme Menge an Informationen hören, aber nur eine sehr begrenzte Menge langfristig behalten.
Wird der Tag passiv gestaltet (Frontalvortrag, PowerPoint), tendiert der langfristige Behaltens-Erfolg gegen die Prognosen der Ebbinghaus-Kurve – also nahe 10-15% des Detailwissens.
Wird der Tag jedoch didaktisch auf Basis kognitionspsychologischer Erkenntnisse gestaltet (Fokus auf 3-5 Konzepte, Maximierung der tiefen Verarbeitung durch aktiven Abruf und wünschenswerte Erschwernisse), ist der Behaltens-Erfolg für diese Kernkonzepte signifikant höher.
Erfolgreiche Weiterbildung misst nicht den Input des Lehrenden, sondern den kognitiv anstrengenden Output des Lernenden.
4 Praxisbeispiele zur Überwindung des Vergessens
Um die Behaltens Quote in Seminaren signifikant zu erhöhen, muss die Didaktik von passiver Vermittlung zu aktiver Verarbeitung wechseln.
- Retrieval-basierte Einstiege statt Agenda-Vorstellung: Statt den Tag mit einer Agenda zu beginnen, startet das Seminar mit einer offenen Frage oder einem Mini-Quiz zum Thema (z.B. "Was sind die drei häufigsten Fehler im Projektmanagement?"). Das zwingt die Teilnehmenden, vorhandenes Wissen abzurufen (Active Retrieval), was das Gehirn für die Aufnahme neuer, korrigierender Informationen öffnet.
- Fallstudien-Generierung statt Lösungspräsentation: Anstatt ein Best-Practice-Beispiel zu präsentieren (passiv), erhalten die Teilnehmenden eine unvollständige Fallstudie oder ein komplexes Problem. In Gruppen müssen sie eine eigene Lösung generieren (Generation Effect). Die anschließende Präsentation der Musterlösung dient dann als Abgleich, nicht als Erstinformation.
- Interleaving statt Block-Lernen: Anstatt Thema A (z.B. Verhandlungstechnik) vier Stunden am Vormittag und Thema B (z.B. Präsentationstechnik) vier Stunden am Nachmittag zu "erledigen", werden die Themen vermischt (Interleaving). 90 Minuten A, 90 Minuten B, dann 90 Minuten A (mit neuer Anwendung), dann 90 Minuten B. Das zwingt das Gehirn, die jeweiligen Muster immer wieder neu zu laden, was anstrengender ist (Desirable Difficulty), aber das flexible Anwenden massiv fördert.
- Spacing durch Pre- und Post-Seminar-Intervention: Das Seminar wird "gestreckt". Eine Woche vor dem Präsenztag erhalten die Lernenden einen kurzen Leseimpuls oder eine Reflexionsfrage (Pre-Spacing). Der Seminartag selbst fokussiert sich auf die Anwendung. 48 Stunden nach dem Seminar wird eine automatisierte E-Mail mit einer einzigen Anwendungsaufgabe (z.B. "Testen Sie Technik X bei der nächsten Gelegenheit und notieren Sie das Ergebnis") gesendet (Post-Spacing). Derartige Maßnahmen unterbrechen die Vergessenskurve effektiv.
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HINWEIS: Für die sprachliche Glättung und stilistische Vereinfachung dieses Beitrags wurden KI-basierte Tools (ChatGPT 5, Gemini 2.5 Pro, Copilot) unterstützend eingesetzt. Alle inhaltlichen Aussagen und Schlussfolgerungen wurden von dem Autor ausgewählt, geprüft und verantwortet. Die KI hatte keine Rolle bei der inhaltlichen Generierung oder Bewertung der Forschungslage.
