Transformation der Bildungsarbeit
Neudefinition ist angesagt
Autorin: Renate Fanninger, Manfred Hofferer & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2026
Die Professionalität in der Erwachsenenbildung war über Jahrzehnte hinweg untrennbar mit dem Besitz und der kontrollierten Weitergabe von Wissen verknüpft. Trainerinnen und Trainer fungierten dabei als zentrale Instanzen, die den Zugang zu Fachinformationen auswählten, steuerten, deren Bedeutung für die Praxis interpretierten und die methodische Vermittlung in einem hierarchischen Gefälle gestalteten.
Diese traditionelle Architektur der Wissens- und Fertigkeitsvermittlung gerät jedoch immer stärker unter dem Druck der digitalen Transformation und der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz ins Wanken. Wenn Informationen jederzeit und überall für alle verfügbar sind, erodiert diese bisherige Überlegenheit der Lehrpersonen.
Dieser Prozess markiert aktuell (schneller als angenommen und erwartet) das Ende einer Ära, in der die reine Expertise als ausreichende Legitimation für Bildungsarbeit galt. In einer Umgebung, in der Algorithmen komplexe Datenanalysen in Echtzeit liefern und adaptive Lernplattformen individuelle Wissenslücken präziser identifizieren als menschliche Beobachtende, stellt sich die Existenzfrage für die klassische Trainerinnen und Trainerrolle mit neuer Dringlichkeit. Es geht dabei um mehr als nur einen methodischen Wechsel; es handelt sich um eine fundamentale Neudefinition der professionellen Identität.
Der Wegfall der Informations-, Deutungs- und Vermittlungshoheit bedeutet jedoch nicht das Ende der professionellen Begleitung von Lernprozessen. Vielmehr schält sich ein Kernbereich heraus, der gerade durch die Technisierung an Wert gewinnt: die Gestaltung zwischenmenschlicher Lernarchitekturen und die Navigation durch die Komplexität moderner Informations- und Arbeitswelten. Wo die Vermittlung von Fakten zum austauschbaren Massengut wird, rückt die Qualität des Lernprozesses selbst wieder sehr viel stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit.
Das nachfolgende Gedankenspiel betrachtet, welche Kompetenzfelder und Aufgabenbereiche für Trainerinnen und Trainer bestehen bleiben und wie sich das Berufsbild von der bisherigen Form hin zu einer hochspezialisierten Prozess- und Entwicklungsbegleitung transformiert. Dabei wird deutlich, dass der Verlust der alten Souveränität den Raum für eine neue, weitaus wirksamere Form der Bildungsarbeit öffnet: die Begleitung von Transformation und die Ermöglichung von tiefgreifender Reflexion in sozialen Systemen.
Es stellt sich die grundlegende Frage: Was bleibt von der bisherigen Rolle übrig, wenn der exklusive Zugang zu Wissen und dessen Interpretation kein Alleinstellungsmerkmal mehr darstellt?
Der Zerfall der traditionellen Souveränität
Die klassische Jugend- und Erwachsenenbildung basierte auf einer hierarchischen Asymmetrie. Die Lehrperson war die Quelle des Wissens, die Teilnehmenden die Empfangenden. Dieser Zustand wird durch drei wesentliche Entwicklungen aufgelöst.
- Der Verlust der Informationshoheit - Früher war der Zugang zu Fachliteratur, aktuellen Daten und spezialisiertem Wissen begrenzt. Lehrende fungierten als Gatekeeper. Heute ist nahezu das gesamte Weltwissen nur ein paar Klicks entfernt. Massive Open Online Courses, spezialisierte Datenbanken und Echtzeit-Informationen im Netz haben die Exklusivität von Fachwissen aufgehoben. Informationen sind zu einem Gemeingut geworden, das jederzeit und überall verfügbar ist.
- Die Erosion der Deutungshoheit - In der Bildungsarbeit genügt es heute nicht mehr, Informationen bereitzustellen und Einordnungen und Bewertungen zur Verfügung zu stellen; einst die Domäne der Expertinnen und Experten. Doch auch hier findet eine Demokratisierung statt. KI-Systeme sind mittlerweile in der Lage, verschiedene Perspektiven auf ein Thema gegenüberzustellen, Vor- und Nachteile abzuwägen und komplexe Theorien auf spezifische Kontexte herunterzubrechen. Die Deutungshoheit verlagert sich somit von einer einzelnen Person hin zu einem diskursiven Prozess, der durch Algorithmen unterstützt wird.
- Das Ende der Vermittlungshoheit - Die Methodik, wie Wissen „portioniert“ und „verabreicht“ wird, unterlag in der Vergangenheit der alleinigen Planung der Lehrenden. Adaptive Lernsysteme ermöglichen heute jedoch individualisierte Lernpfade, die sich in Tempo, Tiefe und Form an die Bedürfnisse der Lernenden anpassen. Die lineare Vermittlung durch eine Lehrperson wird durch wendige und flexible, netzwerkbasierte Lernformen ersetzt.
Was bleibt: Die neue Essenz der Lernbegleitung
Wenn die Rolle als „Wissenssendende“ entfällt, wird der Fokus auf die Prozessqualität und die zwischenmenschliche Ebene gelenkt. Es bleibt ein Kern an Kompetenzen, die sich nicht durch Algorithmen ersetzen lassen, sondern durch die menschliche Präsenz und soziale Dynamik gewinnen.
Die Gestaltung von Resonanzräumen
Lernen ist nie ein reiner kognitiver Prozess, sondern zu jeder Zeit ein sozialer Akt gewesen. In der gegenwärtigen Jugend- und Erwachsenenbildung rückt die Schaffung einer Lernatmosphäre in den Mittelpunkt, die von psychologischer Sicherheit geprägt ist. Menschen benötigen für tiefgreifende Lernprozesse einen geschützten Raum, in dem Unsicherheit gezeigt und Fehler als Lernchancen genutzt werden können. Die Kompetenz, Einzel-, Partner- und Gruppenprozesse so zu moderieren, dass echte Resonanz entsteht, also ein Zustand, in dem die Teilnehmenden mit dem Thema und untereinander in eine lebendige Beziehung und Austausch treten, bleibt eine exklusiv menschliche Aufgabe.
Der Transfer-Brückenschlag als Kernkompetenz
Wissen wird erst durch Anwendung zu Kompetenz. Auch das ist keine Neuigkeit. Während KI mittlerweile überraschend gut theoretische Anwendungsbeispiele generieren kann, ist die Begleitung bei der praktischen Umsetzung in einem spezifischen, und nicht selten widersprüchlichen Lebens- und Arbeitsumfeld eine hochkomplexe Transferleistung. Lehrende fungieren hier als Mentorinnen und Mentoren, die dabei begleiten und unterstützen, abstrakt-kognitive Konzepte in das individuelle Handeln zu übersetzen. Es geht darum, die „Lücke“ zwischen dem generischen Wissen und der spezifischen Realität der Teilnehmenden zu schließen.
Kuratierung und Navigation im Informationsüberfluss - Das Problem der Gegenwart ist nicht der Mangel an Information, sondern deren Überfülle. Die neue Aufgabe der Lehrenden besteht darin, als Kuratierende tätig zu sein. Lehrpersonen wählen aus der Masse an verfügbaren Inhalten die qualitativ hochwertigen und für die Zielgruppe relevanten Ressourcen aus. Sie bieten durch diese Arbeit Orientierung in einer unübersichtlichen Informationslandschaft und helfen dabei, die Validität von Quellen kritisch zu prüfen. Navigation bedeutet hier, den roten Faden in einer Welt der Beliebigkeit zu halten.
Provokation und die Arbeit an der Haltung
Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der jenseits der Informationsübertragung liegt, ist die Arbeit an der inneren Haltung und den eigenen Wahrnehmungs- und Denkmustern.
Kognitive Dissonanz als Lernmotor
Wir alle wissen, dass effiziente Algorithmen stark dazu neigen, Nutzenden das zu spiegeln, was sie bereits wissen oder was ihren Präferenzen entspricht (Echo-Kammern). Echte Bildung erfordert jedoch immer auch die Konfrontation mit dem Unbekannten oder dem Widersprüchlichen. Professionelle Lernbegleitende können gezielt Irritationen setzen und fordern dadurch bestehende Denkmuster heraus und zwingen zur Reflexion von blinden Flecken. Diese Form der „sanften Provokation“ ist wichtig und notwendig, um Verhaltensänderungen anzustoßen, die über das Aufnehmen von Informationen und Fakten hinausgehen.
Werte-Diskurs und ethische Reflexion
In einer Welt, in der Deutungen vielfältig sind, gewinnt die Aushandlung von Werten an Bedeutung. Lehrende moderieren Gesprächs- und Diskussionsprozesse, in denen es nicht um „Richtig“ oder „Falsch“ geht, sondern um die Erarbeitung einer tragfähigen Haltung. Das ist besonders in Bereichen wie Führung, Ethik, Interkulturalität oder Zusammenarbeit essenziell. Die Moderation solcher wertgeladener Diskurse erfordert Empathie, Fingerspitzengefühl und die Kompetenz, Mehrdeutigkeiten auszuhalten.
Die Lehrperson als Lernmodell
Wenn die Fachautorität der Lehrpersonen schwindet, tritt die Persönlichkeit als Lern-Vorbild in den Vordergrund. In einer volatilen Welt ist die wichtigste Kompetenz die „Lernkompetenz“ selbst. Lehrende demonstrieren durch ihr eigenes Auftreten, wie man bspw. mit Nicht-Wissen umgeht, wie man sich neue Felder erschließt und wie man konstruktiv an der eigenen Entwicklung arbeitet. Diese Transparenz der Person schafft Vertrauen und Inspiration, Faktoren, die für die Motivation von jugendlichen und erwachsenen Lernenden entscheidend sind.
Systemische Prozessmoderation
Die Erwachsenenbildung entwickelt sich, wie schon erwähnt, weg von der Inhaltsvermittlung hin zur systematischen Begleitung. Das bedeutet, das Lernsetting nicht isoliert zu betrachten, sondern die Wechselwirkungen mit dem beruflichen und persönlichen System der Teilnehmenden einzubeziehen.
- Bedarfsorientierung statt Lehrplanerfüllung: Die Struktur folgt dem aktuellen Bedarf der Gruppe, nicht einem starr festgelegten Ablauf.
- Agile Steuerung: Die Lehrkraft agiert als Begleitung, die den Prozess beobachtet und situativ interveniert, um den größtmöglichen Lernertrag für die Einzelnen und die Gruppe zu sichern.
- Empowerment: Ziel ist die Selbstbefähigung der Lernenden, ihre eigenen Lösungen zu finden, statt fertige Konzepte und Rezepte zu konsumieren.
Zusammenfassung des Rollenwechsels
Der Wegfall der Informations-, Deutungs- und Vermittlungshoheit heißt nicht zwingend Bedeutungsverlust für die Profession der Lehrenden. Im Gegenteil: Die Anforderungen steigen. Die Rolle wandelt sich von einer primär fachlich-inhaltlichen Souveränität und Vermittlung hin zu einer prozessualen und sozialen Meisterinnen- und Meisterschaft. Die menschliche Komponente wird in einer technisierten Welt zum eigentlichen Differenzierungsmerkmal. Während die KI die (mehr oder weniger guten) „Antworten“ liefert, stellen die Lehrkräfte die entscheidenden „Fragen“ und gestaltet den Raum, in dem die Antworten eine Bedeutung erhalten.
Praxisbeispiele zur Umsetzung der neuen Rolle
Um dem Verlust der klassischen Deutungshoheit produktiv zu begegnen und die neue Rolle in der Praxis zu festigen, können folgende Ansätze verfolgt werden:
- Peer-to-Peer-Learning Architekturen: Anstatt Seminare in klassischen Settings zu halten, werden komplexe Fallstudien aus dem Arbeitsalltag der Teilnehmenden in das Zentrum gestellt. Die Lehrkraft moderiert den Austausch und strukturiert die Ergebnissicherung, agiert aber explizit nicht als alleinige Lösungsinstanz. Das Wissen der Gruppe wird aktiviert, während die Lehrende oder der Lehrende den methodischen Rahmen für die kollegiale Beratung bietet.
- Critical Thinking Labs: In Seminaren werden gezielt KI-generierte Inhalte (bspw. Strategievorschläge oder Sachtexte) eingesetzt. Die Aufgabe der Teilnehmenden besteht unter Begleitung der Lehrkraft darin, diese Ergebnisse kritisch zu dekonstruieren, auf logische Brüche zu untersuchen und gegen die eigene Praxiserfahrung abzuwägen. Hier wird die Lehrkraft zur Lehrenden für Informationskritik und Urteilskompetenz.
- Erfahrungsorientierte Lab-Settings: Wissen, das digital verfügbar ist, wird im Seminar durch physische oder soziale Experimente (z.B. Simulationen oder Outdoor-Elemente) ergänzt. Da die körperliche und emotionale Erfahrung nicht digitalisierbar ist, schafft die Lehrende hier einen exklusiven Mehrwert. Der Fokus liegt auf der anschließenden Reflexion des Erfahrenen und dem Transfer in den Lebens- und Berufsalltag.
- Kuratierte Lernpfad-Begleitung: Anstelle eines Standard-Skripts erhalten Teilnehmende Zugang zu einer kuratierten Sammlung von Ressourcen (Videos, Podcasts, Artikel, Infografiken, Lernkarten etc.). Die Präsenzzeit wird ausschließlich für das Klären von Verständnisfragen, die Diskussion von Widersprüchen und die individuelle Coaching-Begleitung genutzt (Flipped Classroom Modell). Die Lehrkräfte fungieren hier als Tutorin bzw. Tutor und Lern-Coach, die individuell bei der Navigation durch die Inhalte helfen
Passende Hörbeiträge dazu:
- Zukunft der Bildung. Dem Neuen eine Chance geben!
- Vergangenheit ist keine Blaupause für die Bildung der Zukunft. Die Zukunft ist vorne!
Wenn Interesse und Bedarf bestehen, unterstützen wir dich zu diesem Thema gerne auch in unseren Bildungsangeboten. Reden wir darüber! Unsere aktuellen Bildungsangebote:
- Train the Trainer:in
- Soft Skill Trainer:in
- Outdoorpädagogik
- Bildungsbike-Trainer:in
- Ausbildung Bildungsbiken
HINWEIS: Für die sprachliche Glättung und stilistische Vereinfachung dieses Beitrags wurden KI-basierte Tools (ChatGPT 5, Gemini 2.5 Pro, Copilot) unterstützend eingesetzt. Alle inhaltlichen Aussagen und Schlussfolgerungen wurden von dem Autor ausgewählt und geprüft. KI hatte keine Rolle bei der inhaltlichen Generierung oder Bewertung der Informations- und Forschungslage.
