Sinnvoll oder alles nur geklaut?
Ein Streifzug durch das Methodenshopping der Erwachsenenbildung.
Autor: Manfred Hofferer, Renate Fanninger & Team Bildungspartner Österreich, © BPÖ 2026
Psychologische und psychotherapeutische Importe in der Erwachsenenbildung: Wer heute Erwachsenenbildung plant, durchführt oder reflektiert, arbeitet längst mit Konzepten, Formaten und Interventionslogiken, die weit über klassische Didaktik hinausreichen.
Viele Methoden, Verfahren, Techniken und Instrumente der Erwachsenenbildung stammen nicht originär aus der Didaktik, sondern aus Psychologie und Psychotherapie. Die folgenden Beispiele markieren nur einen Ausschnitt, denn tatsächlich sind in den letzten Jahrzehnten weit mehr psychologische und psychotherapeutische Elemente in die Bildungsarbeit eingesickert, als sich in einer knappen Übersicht erfassen lässt.
Problematisch wird das nicht schon durch die Übernahme selbst, jedenfalls dann nicht, wenn von Anbeginn an kritisch damit umgegangen wird. Problematisch wird es dort, wo solche Elemente als neutrale, vermeintlich bildungsdienliche Werkzeuge erscheinen, obwohl sie bestimmte Menschenbilder, Normen und Veränderungsvorstellungen mittransportieren oder im pädagogischen Alltag verkürzt angeeignet, umdefiniert und pragmatisch eingesetzt werden.
In der Erwachsenenbildung werden seit Jahrzehnten Methoden, Verfahren, Techniken und Instrumente eingesetzt, die nicht aus der Didaktik selbst stammen, also nicht aus dem klassischen Bestand didaktischer Arrangements wie Lehrgespräch, Gruppenarbeit, Fallarbeit, Projektarbeit oder Aufgabenentwicklung hervorgegangen sind, sondern aus der Psychologie und, teilweise sehr direkt, aus verschiedenen psychotherapeutischen Schulen übernommen wurden. Dazu zählen vor allem personzentrierte Gesprächsführung, Token Economy und Verhaltensmodifikation, kognitiv-verhaltenstherapeutische Bausteine, Selbstregulation beziehungsweise Self-Regulated Learning, systemische Techniken, lösungsfokussierte Verfahren, Motivational Interviewing, Social and Emotional Learning (SEL), achtsamkeitsbasierte Formate im Umfeld von MBCT sowie bindungsorientierte und mentalisierungsnahe Zugänge.
Historisch lassen sich diese Übernahmen gut markieren. Rogers’ bildungsbezogene Übertragung mit Freedom to Learn von 1969 steht früh für die Öffnung pädagogischer Kontexte gegenüber personzentrierten Ansätzen. Die Entwicklung der kognitiven Therapie durch Aaron T. Beck in den 1960er und 1970er Jahren markiert einen weiteren Referenzpunkt, weil sich hier Denkfiguren herausbilden, die später auch in Bildungszusammenhängen anschlussfähig werden. Die Gründung von CASEL im Jahr 1994, der Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning, und die formale Felddefinition von SEL 1997 verweisen auf die Institutionalisierung und Profilierung von Social and Emotional Learning. Die institutionalisierte Verbreitung von Achtsamkeitsprogrammen seit 2009 zeigt schließlich, dass auch achtsamkeitsbasierte Formate zunehmend in Bildungssettings Eingang gefunden haben.
Diese Zeitbezüge sind nicht bloß historische Randdaten. Sie markieren unterschiedliche Phasen der Rezeption, Ausdifferenzierung und Normalisierung psychologischer und psychotherapeutischer Elemente in der Bildungsarbeit.
Diese Übernahmen sind nicht grundsätzlich problematisch. Für die Erwachsenenbildung sind insbesondere solche Methoden, Verfahren, Techniken und Instrumente anschlussfähig, die Selbststeuerung, Reflexion, Perspektivwechsel, Gesprächsqualität und Transfer unterstützen. In dieser Hinsicht sind personzentrierte Gesprächsführung und Selbstregulation besonders plausibel.
Demgegenüber sind Token Economy und andere verhaltensmodifikatorische Steuerungsansätze im Seminarbereich der Erwachsenenbildung nur sehr eingeschränkt sinnvoll, weil sie mit dem Autonomieanspruch erwachsener Lernender kollidieren. Systemische Techniken, lösungsfokussierte Verfahren, CBT-Bausteine und Motivational Interviewing können in professionsbezogenen, reflexiven und handlungsnahen Settings wirksam sein, sind aber keine universellen Seminarmethoden. SEL, achtsamkeitsbasierte Formate sowie bindungsorientierte und mentalisierungsnahe Ansätze sind in der Erwachsenenbildung deutlich kontextabhängiger und werden nicht selten überdehnt. Für Self-Regulated Learning in der Continuing Education liegt inzwischen eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse vor, die dessen zentrale Bedeutung für erwachsene Lernende unterstreicht.
Der eigentliche kritische Punkt liegt weniger in den einzelnen Methoden, Verfahren, Techniken und Instrumenten als in den mitimportierten Menschenbildern. Personzentrierte Gesprächsführung privilegiert ein bestimmtes Ideal von Beziehung und Entwicklung. CBT-Bausteine setzen auf die Bearbeitbarkeit von Lernen über Gedanken, Bewertungen und Selbststeuerung. Systemische und lösungsfokussierte Verfahren verschieben Aufmerksamkeit auf Muster, Ressourcen und nächste Schritte. Motivational Interviewing arbeitet mit Veränderungsambivalenz. SEL normiert erwünschte soziale und emotionale Kompetenzen. Achtsamkeitsformate fördern Selbstberuhigung und Selbstregulation. Bindungsorientierte Zugänge neigen dazu, pädagogische Situationen beziehungsdiagnostisch aufzuladen.
In der Erwachsenenbildung erscheinen solche Annahmen heute oft als selbstverständliches Methodenrepertoire, obwohl sie normativ, also nicht wertneutral, sind und nur unter bestimmten Bedingungen plausibel wirksam werden.
Dazu kommt, dass diese Ansätze im pädagogischen Alltag bei genauerer Betrachtung sehr häufig verkürzt übernommen, in eigene alltagspraktische Deutungen übersetzt und dann in veränderter Form eingesetzt werden. Gerade darin liegt ein zusätzliches Problem, weil sich die Herkunftskontexte, theoretischen Voraussetzungen und professionellen Grenzen dieser Ansätze auf diese Weise leicht verflüchtigen.
Problematisch wird es etwa dort, wo verhaltensmodifikatorische Steuerungsinstrumente, therapeutisch inspirierte Deutungen und motivationsbezogene Interventionen im Seminarbereich unsystematisch kombiniert werden und dadurch eine pädagogisch fragwürdige Mischung aus Steuerung, Alltagspsychologie und methodischer Überdehnung entsteht.
Daraus folgt: Die Frage ist nicht nur, welche Methoden, Verfahren, Techniken und Instrumente in den letzten 50 Jahren aus Psychologie und Psychotherapie in die Bildungsarbeit eingewandert sind. Zu fragen ist immer auch, unter welchen Bedingungen ihre Anwendung im Seminarbereich der Erwachsenenbildung legitim, im jeweiligen Setting plausibel wirksam und professionell verantwortbar ist. Gerade hier wäre deutlich mehr Reflexion nötig, als gegenwärtig üblich ist.
Für die Bildungsarbeit bedeutet das, psychologische und psychotherapeutische Importe weder reflexhaft zu übernehmen noch vorschnell zurückzuweisen. Erforderlich ist vielmehr eine professionelle Prüfung ihrer Reichweite, ihrer Voraussetzungen und ihrer Passung zum jeweiligen Format, Thema und Adressatenkreis. Erwachsenenbildung braucht an dieser Stelle nicht mehr methodische Moden, sondern mehr begriffliche Klarheit, kontextbezogene Urteilskraft und professionsethische Reflexion, statt individuell abgeleiteter und selbstgebastelter Verständnismodelle.
Eine weitere Auswahl von Beispiele, bei denen genauer hinzusehen ist
- Personzentrierte Gesprächsführung: Sie stammt aus der personzentrierten Therapie. Für die Erwachsenenbildung ist sie anschlussfähig, wird aber dort problematisch, wo pädagogische Beziehungen therapeutisch überhöht werden.
- Aktives Zuhören: Auch aktives Zuhören ist personzentriert geprägt. Es erscheint oft als neutrale Kommunikationstechnik, war ursprünglich jedoch an eine spezifische therapeutische Haltung gebunden.
- Ressourcenorientierung: Dieser Zugang ist vor allem humanistisch, systemisch und lösungsfokussiert geprägt. Er ist weit verbreitet, kann aber dazu beitragen, Probleme, Defizite und Machtverhältnisse weichzuzeichnen.
- Verhaltensmodifikation: Sie stammt aus behavioristischen und verhaltenstherapeutischen Traditionen. In der Erwachsenenbildung ist sie häufig unpassend, weil sie Lernen auf äußerlich steuerbares Verhalten verengt.
- Kognitive Umstrukturierung: Sie kommt aus der kognitiven Therapie und der CBT. Bei Lernhemmnissen kann sie hilfreich sein, kippt aber schnell in die Individualisierung struktureller Probleme.
- Selbstregulation: Der Begriff stammt aus der Bildungspsychologie und weist deutliche Anschlüsse an kognitiv-verhaltenstherapeutische Logiken auf. In der Erwachsenenbildung ist Selbstregulation besonders anschlussfähig, zugleich aber leicht normativ aufgeladen, im Sinne permanenter Selbstoptimierung.
- Reframing: Reframing ist vor allem systemisch und kognitiv geprägt. Es eignet sich für Perspektivwechsel, wird aber dort problematisch, wo Umdeutung an die Stelle realer Problemanalyse tritt.
- Zirkuläre Fragen: Sie stammen aus der systemischen Therapie. Für Fallarbeit und Reflexion können sie brauchbar sein, wirken aber schnell künstlich und manieriert, wenn sie schematisch eingesetzt werden.
- Lösungsorientierung: Sie geht auf die lösungsfokussierte Kurztherapie zurück. Sie ist handlungsnah und anschlussfähig, wird aber dort fragwürdig, wo Ursachenanalyse vorschnell abgeschnitten wird.
- Motivational Interviewing: Es wurde aus der Suchttherapie heraus entwickelt und in personzentrierter Tradition weitergeführt. In bestimmten professionsbezogenen Formaten kann es sinnvoll sein, als allgemeine Seminarmethode wird es jedoch häufig überschätzt.
- Achtsamkeit: Sie stammt aus achtsamkeitsbasierten Verfahren wie MBSR und MBCT. In der Erwachsenenbildung ist sie weit verbreitet, wird aber oft entkontextualisiert, normativ aufgeladen und methodisch überbewertet.
- Resilienz: Der Begriff stammt aus klinischer und entwicklungspsychologischer Forschung. Er ist sehr wirkmächtig, wird in der Erwachsenenbildung aber häufig entpolitisiert und individualisierend verwendet.
Gerade ihre Selbstverständlichkeit macht sie für die Erwachsenenbildung erklärungsbedürftig, weil mit ihrer Verwendung oft mehr vorausgesetzt wird, als im pädagogischen Alltag ausdrücklich reflektiert wird.
Literatur
- Beck Institute. (n.d.). The history of cognitive behavior therapy. https://cares.beckinstitute.org/about-cbt/history-of-cbt/
- Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning. (n.d.). Our history. https://casel.org/about-us/our-history/
- Hemmler, Y., & Ifenthaler, D. (2024). Self-regulated learning strategies in continuing education: A systematic review and meta-analysis. Educational Research Review, 45, Article 100629. https://doi.org/10.1016/j.edurev.2024.100629
- Mindfulness in Schools Project. (n.d.). About MiSP. https://mindfulnessinschools.org/about/
- Rogers, C. R. (1969). Freedom to learn: A view of what education might become. C. E. Merrill.
- Die Literatur wurde so gewählt, dass sie exemplarisch zentrale Entwicklungslinien des Textes abdeckt: Rogers für die frühe bildungsbezogene Rezeption personzentrierter Ansätze, Beck für die kognitiv-therapeutische Traditionslinie, CASEL für die Institutionalisierung von SEL, MiSP für die Verbreitung achtsamkeitsbasierter Programme im Bildungsbereich sowie Hemmler und Ifenthaler für einen aktuellen empirischen Bezug zu Self-Regulated Learning in der Continuing Education.
Hinweis zur KI-Unterstützung: Der Text wurde nicht durch KI verfasst. Der Basistext stammt von einem Menschen. KI-Systeme kamen ausschließlich im Rahmen nachgelagerter Prüfprozesse zum Einsatz, insbesondere zur Struktur und Konsistenzprüfung sowie zur terminologischen Prüfung entlang einer redaktionellen Qualitätscheckliste. Die fachliche Bewertung, inhaltliche Auswahl, redaktionelle Bearbeitung und endgültige Freigabe des Textes erfolgten durch die verantwortliche Redaktion.
Veröffentlichungs- und Lizenzhinweis: Autor und Autorin: Manfred Hofferer & Renate Fanninger | Institution: Bildungspartner Österreich | Erstellungsdatum: April 2026 | Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) | © 2026 Manfred Hofferer & Renate Fanninger, Bildungspartner Österreich. Dieser Beitrag darf unter Nennung der Autor*innen frei vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht, bearbeitet und in jedem Medium oder Format genutzt werden, auch zu kommerziellen Zwecken, sofern eine angemessene Namensnennung erfolgt und auf Änderungen hingewiesen wird. Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
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